Meinung : Das Unmögliche ist möglich

Moritz Schuller

Diesen Mut muss er jetzt nur noch auf die Mannschaft übertragen. Den Mut, im richtigen Moment einfach draufzuhalten.

Jürgen Klinsmanns Entscheidung für Jens Lehmann ist couragiert, denn sie ist zwangsläufig eine Entscheidung gegen Oliver Kahn. Und Kahn, hieß es lange, sei ein Titan. Nun ergeht es dem wie den Titanen der Mythologie: Sie unterlagen im Kampf gegen die olympischen Götter und wurden von Zeus in der Unterwelt eingeschlossen. Dort hat Klinsmann nun Kahn, aber auch all die Beckenbauers eingesperrt, die ihm bisher das Leben so schwer gemacht hatten. Dass der Bundestrainer seine Entscheidung für Lehmann am Tag vor dem Spitzenspiel der Bayern gegen Bremen verkündete, spricht für sein Selbstbewusstsein: Sie darf als deutliche, geradezu gewalttätige Reaktion verstanden werden; in jedem Fall klärt sie die Machtverhältnisse.

Diese Entscheidung ist aber auch deshalb mutig, weil sich nach einer erfolglosen WM mit Kahn niemand gefragt hätte, wie Deutschland wohl mit Lehmann im Tor abgeschnitten hätte. Umgekehrt wird das sehr wohl der Fall sein. Klinsmann legt sein Schicksal damit auch in die Hände eines Mannes, der ein solches Vertrauen vor ein paar Jahren noch nicht verdient hatte. Auch diese Risikobereitschaft sollte der Bundestrainer nun auf die Mannschaft übertragen.

Klinsmann hat geschickt das Momentum genutzt, das sich in der Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen für Jens Lehmann aufgebaut hatte. Ganz unschuldig daran, dass es sich aufgebaut hat, dass es plötzlich überhaupt denkbar geworden war, Kahn aus dem Tor zu nehmen, ist Klinsmann sicher nicht. Vermutlich ist die Ankündigung sogar das Ergebnis einer lang angelegten Strategie. Vor einem Jahr hätte Klinsmann diese Entscheidung nicht überlebt; heute ist sie ein Aufbruchsignal, ein Zeichen dafür, dass vielleicht doch noch alles möglich ist bei dieser Weltmeisterschaft. Mit Jens Lehmann ist jetzt wenigstens einer in der Mannschaft, der zu Recht an das Unmögliche glaubt.

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