Meinung : „Das Vaterland ist das, was wir lieben“

Pascale Hugues, Le Point

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Die „Bar de France“ und die „Bar des Joyeux“: zwei siamesische Etablissements, fest miteinander verwachsen auf dem Asphalt eines Marktplatzes in einer provencalischen Kreishauptstadt. Selbst die beiden Inhaber, die von sieben Uhr morgens bis Mitternacht im Akkord Ricard mit Eis und schwarzen Oliven servieren, scheinen ihre Gesten aufeinander abgestimmt zu haben. Drinnen: das Frankreich der Meckerer („Kein Tropfen Regen seit Wochen!“), das Frankreich der Rebellen („Der Staat stopft sich die Taschen voll mit all diesen Bußgeldern!“). Das Frankreich der Ewigkeit.

Die „Bar de France“ riecht nach Melonen und Scheuermittel. 37 Grad im Schatten des Tresens. Die riesige Fernsehleinwand, auf der die Stammgäste entgeistert jenen jetzt schon legendären Kopfstoß mitverfolgt haben, dominiert immer noch die Rückwand des Lokals. Zwei Wochen nach dem Spiel wird noch immer über Zizous Wutausbruch diskutiert: „Materazzi muss ihm schreckliche Sachen an den Kopf geworfen haben, um ihn so weit zu bringen“, glaubt Robert, 1 Meter 65 groß, weiße Bermudas und Flipflops, mit einem kleinen Madonnenmedaillon im dichten Pelz seines Brusthaars. „Zidane hat Frankreich das Träumen gelehrt. Er hat den Franzosen so viel Glück gebracht“, schwärmt Jean-Pierre, der auf der Türschwelle steht und an einem Zigarettenstummel zieht, weil „der Staat einem sogar das kleine Vergnügen verbietet, eine Zigarette zu rauchen, während man einen hebt!“ Ein Psychologe erklärte vor ein paar Tagen im Fernsehen, Zidane habe „den sozialen Zusammenhalt gestärkt“ und „einen Verschmelzungsprozess von Identitäten“ in Gang gesetzt, „der von der Globalisierung unterdrückt wird“. Anders gesagt: Wenn Robert und Jean-Pierre ihren Zizou verteidigen, gilt für sie angesichts des gemeinsamen Feindes die alte Parole: einer für alle, alle für einen. „Er hätte den Itacker fertig machen sollen“, sagt Robert. „Wenn sie auf dem Platz nicht gewinnen können, diese Italiener, dann schaffen sie’s mit faulen Tricks.“ Dazu kommt, dass Zidane ein Kind der Region ist. Er kommt aus Marseille, der Stadt am südlichen Ende der Route Nationale, die man hinter dem Dorf leise rauschen hört.

In der „Bar des Joyeux“ gibt man sich eher grummelig – das Etablissement macht seinem glücksschwangeren Namen keine Ehre. Nach dem Sieg der französischen Nationalmannschaft bei der WM 1998 hatten die schwarzen und arabischen Spieler noch das ganze Land in einen großen Multikulti- Freudentaumel versetzt: Frankreich verliebte sich in seine Einwanderer der dritten Generation. Doch schon vier Jahre später landete Jean Marie Le Pen mit seiner Front National bei den Präsidentschaftswahlen auf dem zweiten Platz, und spätestens als letzten Herbst die Aufstände in den Banlieues ausbrachen, verblasste der Mythos von Frankreichs exemplarischer Integration rapide. Nun haben wir uns auch noch den Weltmeistertitel entgehen lassen, und prompt erklärte der Patron der Front National, für seinen Geschmack sei das französische Team ein bisschen zu „bunt“. Die Nationalmannschaft repräsentiere nicht die Nation, schrieb die „Minute“, das Wochenblatt der extremen Rechten. Unter ein Bild von Zidane setzten sie die Schlagzeile: „Ciao, Rowdy!“

Was bedeutet es, Franzose zu sein? In Deutschland ist die Frage nach der nationalen Identität ja nichts Neues, aber als ich vor ein paar Wochen in den Sommerurlaub nach Frankreich aufbrach, glaubte ich, dieser zwanghaften Selbstbespiegelung fürs Erste entkommen zu sein. Hatte nicht de Gaulle ein für alle Mal entschieden, dass unser kollektives Ich auf „fünfzehn Jahrhunderte Geschichte“ gegründet ist? Von Clovis bis Jeanne d’Arc, von Richelieu bis Jean Moulin – der Triumphzug unserer „großen historischen Persönlichkeiten“ wischte jeden Zweifel beiseite. Zinedine Zidane war das letzte Glied in dieser ehrfurchtgebietenden Kette. Der Historiker Fustel de Coulanges, nach dem mein ehemaliges Gymnasium benannt ist, war hocherzürnt, als er 1870 seinem deutschen Kollegen Theodor Mommsen schrieb, der die Annexion Elsass-Lothringens mit ethnischen und linguistischen Argumenten gerechtfertigt hatte. Franzose sei, erwiderte Fustel de Coulanges, wer einer „Gemeinschaft von Ideen, von Interessen, Zuneigungen, Erinnerungen und Hoffnungen“ angehöre. „Das Vaterland ist das, was wir lieben.“ So simpel war es, Franzose zu sein!

Bei einem Viertel der Einwohner meines Landes ist mindestens ein Großelternteil aus dem Ausland zugewandert. Jetzt will Nicolas Sarkozy den Zugang zur französischen Staatsbürgerschaft neu definieren: Frankreich behalte sich das Recht vor, seine Immigranten gemäß der Bedürfnisse und Möglichkeiten des Landes auszuwählen, sagt der Innenminister. Derweil schreiben Soziologen, dass sich die jungen Franzosen heute viel weniger über ihre nationale Identität definieren. Wie man sieht, quält sich auch mein Land mit der Frage nach der Essenz des Nationalcharakters.

Gut, dass es noch Männer wie Jacques Chirac gibt. Niemand versteht es wie er, ohne den Schatten eines Zweifels zu verkünden: „Frankreich ist eine Weltmacht.“ Seine Worte hallen lange nach in der „Bar des Joyeux“. Auf dem Flipper prangt eine Blondine im Bikini, die jedes Mal zwinkert, wenn ein Kunde ins Schwarze getroffen hat. Und auf der Leinwand über dem Flipper hält der Präsident der Republik seine Ansprache zum Nationalfeiertag, dem 14. Juli. Was ein guter Franzose ist, der hebt dann kurz die Nase vom Ricard-Glas und sagt in Richtung Leinwand: „Noch acht Monate, und dein Frankreich jagt dich zum Teufel!“

Aus dem Französischen übersetzt von Jens Mühling.

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