Datenskandale : Viele große Brüder

Man sollte nicht nur so tun, als wäre Datenschutz Sache "der da oben“. Ob Bahn oder Telekom: Warum die Ex-Staatsunternehmen so sorglos mit Daten umgehen.

Jost Müller-Neuhof

Unseren täglichen Datenskandal gib uns heute, lautet das derzeit gängigste Empörungsmantra, und tatsächlich: Immer wieder beschäftigt ein neuer Verstoß das Land, steht ein Unternehmen in der Kritik, muss ein Chef zurücktreten. Belegt ist damit nicht, dass alles immer schlimmer, wohl aber, dass man wieder sensibler wird. Wenn Politik und Unternehmen weiter darauf setzen, die Öffentlichkeit werde irgendwann abstumpfen, könnten sie falsch liegen. Derzeit sieht es erfreulicherweise nach dem Gegenteil aus.

Bahn und Telekom stehen aus gutem Grund im Mittelpunkt. Die Ex-Staatsunternehmen tragen das Erbe des „Großen Bruders“ in sich, des imaginären und teils überzeichneten Feindbildes jener Datenskeptiker, die mit der Volkszählungsdebatte aus den achtziger Jahren bis heute Haltung und Bewusstsein prägen. Was diese Unternehmen als „Kundendaten“ oder „Mitarbeiterdaten“ handeln, betrifft – mehr oder weniger – alle in Deutschland. Es wäre den Verantwortlichen anzuraten, die Kritik ernst zu nehmen und Vorfälle nicht herunterzuspielen. Ihr Job wäre, Vorbild in Sachen Datenschutz zu sein.

Diese Rolle glaubwürdig zu erfüllen, wäre wichtiger, als ein paar korrupte Angestellte zu enttarnen oder Informationslecks zu schließen. Wer eine Ex-Staatsaufgabe dieser Dimension übernimmt, sollte politisch denken. Er setzt eben nicht nur eine Lok aufs Gleis oder verlegt Telefondosen und guckt nachher, ob die Kasse stimmt – er organisiert das Gemeinwesen mit. Der ruppige Mehdorn hat dabei ebenso versagt wie der Straftäter Zumwinkel. Könnte der nächste Mehdorn nicht einfach mal sagen, dass Arbeitnehmerdatenschutz sinnvoll ist? Dass man ihn vielleicht auch per Gesetz regeln sollte? Wirtschaftslenkern sind solche Impulse nicht verboten. Sie können für das öffentliche Bild eines Unternehmens wertvoller sein als alle Werbespots und pünktlichen Züge zusammen.

Trotzdem sollte man nicht nur so tun, als wäre Datenschutz Sache „der da oben“. Die Bürger verantworten den Umgang mit, indem sie Daten herausgeben – und indem sie die Politik mitbestimmen. Der jüngste Vorfall verweist gerade auf den zweiten Zusammenhang. Man mag sich heute darüber empören, sollte die Telekom nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 allzu freigiebig Daten an das Bundeskriminalamt übermittelt haben. Aber man sollte sich auch daran erinnern, wie die Stimmung war: Die Nato rief zum einzigen Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus, Politik und Polizei überkam eine Art Panik, selbst Gerichte sprachen von „Notstand“, Kriege zeichneten sich ab, für Terroristen wurde Folter vorgeschlagen, und man war sich sicher, dass Leute arabischer Herkunft mit Flugschulbesuchen die staatliche Ordnung umstürzen wollten. Wenn die Telekom in dieser Situation etwas die Übersicht verloren haben sollte und ihrem Mitmachreflex folgte, so gab es auch andere.

Also sollte man fair bleiben. Manch ein Skandal schrumpft, wenn man ihn näher betrachtet. Gefährdungen und Schäden halten sich meist in Grenzen. Daten sind dank der Digitalisierung hervorragend zu verwalten, aber natürlich ebenso leicht zu missbrauchen. Es wäre jetzt hilfreich, wenn Politik und Wirtschaft weitere Sicherungen einbauten – nicht nur für den Fall, dass ein Gemeinwesen kollektiv die Übersicht verliert.

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