Meinung : „Demokratie ist der rote Faden meines Werks“

Gregor Dotzauer

Der Holberg-Gedenkpreis (www.holbergprize.no) hatte erst im letzten Jahr Premiere, aber sein Renommee ist schon gewaltig – nicht nur, weil sich seine Dotierung mit umgerechnet 575 000 Euro kaum ignorieren lässt. Wenn man seinen Namensgeber, den norwegischen Gelehrten und Dramatiker Ludvig Holberg (1684-1754), zum Maßstab nimmt, ist die Wahl von Jürgen Habermas zum zweiten Laureaten (nach der Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva) genau das, was dem Stifter, dem norwegischen Staat, vertreten durch die Universität von Bergen, vorgeschwebt haben mag. Denn in so vielen Disziplinen Holberg als akademisch bestallter Metaphysiker, Logiker, Latinist und Historiker unterwegs war – der 1929 in Düsseldorf geborene Habermas steht ihm darin nicht nach. Als prominentester Nachfahr der Frankfurter Schule, die rund um das Philosophengespann Theodor W. Adorno und Max Horkheimer nach dem Krieg das bundesrepublikanische Denken prägte, hat er in seinem Denken Kultur- und Sozialwissenschaften, Philosophisches und Politisches in einer kritischen Theorie der Gesellschaft verbunden. Und: Er hat sich damit nicht in den Hörsaal zurückgezogen, sondern sich als wortmächtiger Publizist auch in fast alle wichtigen deutschen Debatten eingeschaltet.

„Demokratie ist der rote Faden meines Werkes“, hat er in einem Interview zur Verleihung des Preises am gestrigen Abend in der Bergener Håkonshallen bekannt. Demokratie – und der Glaube an eine „kommunikative Rationalität“, die selbst dem banalsten Alltagsgespräch zu Grunde liegt. Diese Ethik des Diskurses hat er in seinem bekanntesten Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“ ausgeführt. Das alles, erklärt er, wäre ihm aber nicht gelungen, wenn er nicht in einem universitären Generationenverbund groß geworden wäre, in dem es ihm leicht fiel, sein Denken zu entwickeln. Insofern verstehe er den Preis auch als Anerkennung für viele Weggefährten.

Ob Nazivergangenheit, Fundamentalismus, Irakkrieg und Völkerrecht, europäisches Selbstverständnis, Genethisches oder Neurowissenschaftliches: Jürgen Habermas war immer an vorderster Front mit dabei – mal buchstäblich als Vordenker, mal um ein Modethema mit einem letzten Donnerwort zu bedenken. Dass er nach dem Kyoto-Preis 2004 nun binnen Jahresfrist den zweiten bedeutenden Preis bekommen hat, unterstreicht, dass er dabei auch gehört wird – weltweit.

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