Meinung : „Den Premier möchte ich gerne selbst köpfen“

Christoph von Marschall

Kanada ist im Schock. Ähnlich wie viele Deutsche sehen sich die Bürger nicht im Visier der Terroristen, sondern als friedfertiges Gegenmodell zu den USA. Am Irakkrieg hat sich Kanada nicht beteiligt, nur am Sturz der Taliban in Afghanistan. Dort stehen die Kanadier allerdings im Zentrum der Kämpfe. Sie dienen nicht im relativ ruhigen Norden wie die Deutschen, sondern im Talibangebiet und beklagen viele Opfer.

Am Wochenende wurden 17 mutmaßliche Terroristen in Toronto, Ottawa und weiteren Städten Ontarios festgenommen, zwölf Erwachsene und fünf Jugendliche. Zum Großteil leben die Muslime seit Jahren in Kanada. Laut Anklage wollten sie Gebäude in Ontario sprengen, einen Anschlag auf die U-Bahn von Toronto verüben und das Parlament in Ottawa besetzen, um den Abzug der Kanadier aus Afghanistan zu erpressen. Sie planten, nach und nach Politiker zu köpfen, bis man ihre Forderung erfüllt. Als Beweise beschlagnahmten die Ermittler Computer, zu Zeitzündern umgebaute Handys und Zutaten für Bomben. Steven Vikash Chand, ein 25-Jähriger aus Toronto mit langem schwarzem Haar und Vollbart, soll sich ausbedungen haben, Premier Stephen Harper persönlich zu enthaupten.

Die Festnahmen sind das Ergebnis einer mehrmonatigen Kooperation kanadischer, amerikanischer und britischer Anti-Terror-Spezialisten. Sie hatten Internet-Chatrooms, E-Mails und Telefonate überwacht. Ausgangspunkt war die Verhaftung des Arabers Jounis Tsouli in London im Oktober 2005. Er warb im Internet unter dem Namen „Irhabi 007“ („Terrorist 007“) für die Al-Qaida-Ideologie. Der Computer-Hacker und Webdesigner versuchte nichtarabische Muslime für den Terrorismus zu gewinnen, zum Beispiel aus Bangladesch, Indonesien oder den Philippinen. Kanada hat viele Einwanderer aus Asien. Er hatte Videos von Enthauptungen Entführter im Irak verbreitet und Anleitungen zum Bau von Sprengkörpern.

Chand und Tsouli gelten Experten als Vertreter einer neuen „Generation X“ von Terroristen: inspiriert von Al Qaida, aber nicht integriert. Sie bekommen keine Befehle von einer Zentrale, sondern handeln lokal nach eigenem Gutdünken. Allerdings sind sie oft international vernetzt über das Internet. Eine Verbindung von den 17 Festgenommenen in Kanada führt nach Atlanta in den USA. Dort wurden kürzlich zwei Männer festgenommen, die mit Islamisten in Kanada Anschläge planten.

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