Meinung : Der Blick der Schwäne

Roger Boyes, The Times

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Ertappen Sie sich dabei, dass Sie den Himmel betrachten? Haben Sie ein leicht mulmiges Gefühl, wenn Sie an einer Hecke mit ungewöhnlich lautem Vogelgezwitscher vorbeilaufen? Das Schreckgespenst Vogelgrippe kommt näher. Eines ihrer Opfer wurde schon in Wandlitz gefunden, und die unter uns, die sich noch an Honecker erinnern, wissen, dass es von dort nur eine kurze Fahrt im schusssicheren Volvo bis zum Palast der Republik ist. Die neuen Schilder „Vogelschutzzone“ um den Grunewaldsee machen deutlich, dass auf Vögeln, eigentlich die Vorboten des Frühlings, nun eine Hitchcock’sche Bedrohungsaura liegt. Vogelschutz bedeutet Leinenzwang und dadurch ist die Grunewalder Hundepromenade nur noch ein Schatten ihrer selbst. Jeder Hundebesitzer weiß, dass an dem See eine gigantischen Hunde-Cocktailparty gefeiert wird: mit koketten französischen Bulldoggen, Labradoren, die wie Pensionäre sabbern, Weimeranern, die sich schütteln nach einem kurzen Bad in einem See, der so dreckig ist wie Spülwasser, missmutigen West Highlandern und unsicheren Jack Russells mit der Konzentrationsfähigkeit von Klatschkolumnisten. Warum auch immer, freigelassen kämpfen sie nicht miteinander, dann liegt über dem Strand des Grunewaldsees der Geist der Vereinten Nationen.

Umgekehrt, an der Leine bellen und meckern sie mehr als ihre Herrchen. Die Hundebesitzer haben das Gefühl, als ob sie mit einem dickköpfigen Fünfjährigen zum Schuhekaufen oder zum Friseur unterwegs wären.

Die Stimmung am See: Der Grunewald wird bald ein Sammelplatz für tote Vögel sein. Die Hunde starren auf die Schwäne und geben ihnen die Schuld für den Leinenzwang. Die Schwäne starren zurück auf die Menschen, als wollten sie sagen: Ihr seid selbst schuld. Und sie haben Recht. Der Tod eines Schwans berührt uns mehr als der Tod eines Hamsters. Seit Jahrhunderten haben wir diesen Vogel überromantisiert, in London stehen sie sogar unter königlichem Schutz. In der Gemäldegalerie am Kemperplatz hängt ein Corregio-Porträt von Leda. Der Schwan (natürlich der verwandelte Jupiter) verführt sie, und ihr gefällt das offensichtlich, ein sinnliches Lächeln umgibt ihre Lippen. Das Bild gehörte früher dem Grafen von Orleans: In einem religiösen Wahn schnitt sein Sohn den Kopf des Schwans aus der Leinwand. Später wurde es restauriert und von Friedrich dem Großen erworben.

Schwäne, so scheint es, bedürfen unseres besonderen Schutzes – anders als Hühner oder Gänse. Nun sterben sie in ganz Europa, und Trauer erfüllt den gewöhnlichen Gassigang. Die Bedrohung fühlt sich immer stärker an, die Götter müssen wohl wütend sein. Die Chance, dass jemand in Deutschland an Vogelgrippe erkrankt, ist, seien wir ehrlich, so gut wie null. In China mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden gibt es acht bestätigte Todesfälle – einer pro 163 Millionen. Und das in einem Land, in dem die Hühner oft im Schlafzimmer leben. Das ist in Deutschland eher ungewöhnlich.

Ärger ist bei der Vogelgrippe also angemessen, Angst nicht. Die wirkliche Bedrohung – wie auch bei früheren vergleichbaren Fällen – ist die Selbstlähmung: Sollte ein Vogel tot auf den Ku’damm fallen, wäre der Senat unter der Geflügelpestverordnung von 1972 gezwungen, sofort einen 3-Kilometer- Sperrradius abzustecken und ein 10-Kilometer-Beobachtungsgebiet. Was, wenn fünf Vögel an unterschiedlichen Orten gefunden werden – einer im Olympiastadion, vielleicht, einer vor dem Reichstag? Menschen, Hunde und Katzen vom Grunewaldsee zu verbannen, mag für Leute wie mich lästig sein (und für meinen zur Depression neigenden Hund), ist aber keine Katastrophe. Würde tierisches Leben vom Reichstag verbannt, wäre das eine erschreckende Aussicht. Dann hätten wir überhaupt kein Regierung mehr. Eine schreckliche Vorstellung.

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