Meinung : Der Euro kommt: In der Währung liegt die Wahrheit

Wer Angst hat vor dem Euro, der muss sich jetzt beeilen mit seiner Furcht. Denn es ist so weit. Von morgen an können auch die Deutschen den Euro in Augenschein nehmen. Sie werden ihn in kleinen Tüten bei ihrer Bank abholen und sich damit vertraut machen. Bevor es dann ernst wird, am 1. Januar. Von da an verschindet jede Mark, die wir ausgeben, für immer. Sie wird automatisch durch Euros ersetzt.

Die Deutschen haben eine besondere Beziehung zu ihrem Geld. Es fällt ihnen schwerer als Franzosen, Belgiern oder Iren, sich für den Euro zu begeistern. Hierzulande ist die Zustimmung zum Euro immer noch niedriger als in den meisten anderen Ländern. Nur jeder Zweite findet es halbwegs in Ordnung, dass Europa zum Jahreswechsel eine einheitliche Währung bekommt. Zollfahnder berichten, dass nur ein Viertel derjenigen, die Geld in die Schweiz schaffen, tatsächlich unversteuertes Geld in Sicherheit bringen. Die anderen wollen ihr gutes Geld nur vor dem Euro retten.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Das ist nicht rational, es ist ein Gefühl. Die Westdeutschen trauern um die Mark, weil sie ihnen bis zur deutschen Einheit das Nationalsymbol ersetzte, für Wirtschaftswunder und Stabilität stand wie keine andere Leistung der westdeutschen Republik. Die Ostdeutschen trennen sich noch schwerer: Sie haben lange darauf gewartet, die D-Mark zu bekommen, jetzt müssen sie sie wieder eintauschen. Die Älteren haben mehr Bedenken als die Jüngeren, die Ungebildeten größere Vorbehalte als die Gebildeten. Tiefenpsychologen beobachten Wut, Tränen und Ohnmachtsgefühlen.

Aber wahrscheinlich sind die meisten, die ihre Euro-Pakete abholen, weder wütend noch ohnmächtig, noch bekommen sie Weinkrämpfe. Viele finden das neue Geld spannend und freuen sich auf eine neue Zeit. Die anderen haben ein bisschen Angst vor dem Naheliegenden und ein mulmiges Gefühl, was die Zukunft betrifft. In beiden Fällen haben sie Recht. Nur, dass die Sache wahrscheinlich unkomplizierter verlaufen wird, als sie denken - zunächst. Das neue Geld wird nicht alles teurer machen. Es wird anfangs voraussichtlich längere Schlangen vor den Kassen geben und der ein oder andere wird wahrscheinlich beim Wechselgeld übers Ohr gehauen. Ein paar Geschäftemacher werden goldene Gedenkmünzen teuer verhökern oder die tatsächlich letzte DM-Lebensversicherung unters Volk bringen.

Doch das alles wird sich schnell einpendeln. Da, wo die Händler versuchen aufzurunden, wird der Wettbewerb im Einzelhandel schnell dafür sorgen, dass die Preise wieder schmelzen. Haustürgeschäfte waren schon zu Mark-Zeiten ein Risiko. Und Falschgeld gibt es auch heute schon reichlich - da wird die Situation nach ein paar Wochen eher entspannter sein als zuvor. Schnell werden sich die Eurobesitzer auch das Umrechnen von Euro-Alltagspreisen in Mark abgewöhnen. Und nach dem ersten Urlaub in Euroland werden die meisten zu schätzen lernen, dass sie nun in Österreich, Italien oder Spanien die Preise vergleichen können, anstatt sich alles - wie früher - selbst ausrechnen zu müssen. Das gemeinsame Bargeld macht alle Preise für alles auf einen Blick transparent.

Um die fernere Zukunft mit dem gemeinsamen Geld machen sich die Deutschen noch am wenigsten Sorgen - dabei hätten sie da wirklich Grund zur Wachsamkeit. Denn dann wird klar, dass der Euro nicht nur eine gemeinsame Zentralbank, sondern auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik erfordert. Und da wird sich das deutsche Modell mit einem hoch regulierten Arbeitsmarkt, ausgiebigen Sozialleistungen und Förderprogrammen für Unternehmen noch stärker als bisher im Wettbewerb mit anderen Euro-Ländern bewähren müssen. Auf diese neue Klarheit müssen wir uns einstellen, auch wenn das, was wir ab morgen bei den Banken abholen, nur wie ein paar neue Münzen und Scheine aussieht. Angst? Ansporn!

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