Meinung : Der Gedankenvolle

Der Papst ist durch und durch Fundamentaltheologe – mit neuem Ton und ohne Fanfare

Stephan-Andreas Casdorff

Ein Mann des Worts, ein Meister der Formulierung – Benedikt, der „Benedetto“ für alle, der in die Welt hinausgeht, erlebt an den Wassern des Rheins, im Rom des Nordens, seine „zweite Taufe“. So sagen es die Italiener, und es scheint so zu sein, als zwinkere ihnen der einstige Carabiniere des Vatikans zu. Losgelöst von der Erde, fliegen ihm die Herzen zu. Wer hätte das gedacht? – Alle, die seine Schriften wirklich kennen.

Die haben schon kurz nach Joseph Ratzingers Wahl gewarnt, die „Fülle von geradezu revolutionären Gedanken“ nicht zu reduzieren auf die strengen, unbeugsamen und unvermeidlichen. Denn sie sind dem Amt des Chef der Glaubenskongregation geschuldet und, sicher, dem Glauben Ratzingers. Aber was haben wir gedacht, dass er sein würde: ein Protestant?

Er ist, von Herz und Gesinnung, ein Fundamentaltheologe. Wer so ist, sieht in der Bibel die Überlieferung des göttlichen Wortes und lebt danach. Aber er muss danach auch die Menschen lieben, und vielleicht ist es den Italienern eher gegeben als uns, das in Worte zu fassen: Dass Papa Ratze sich feinfühlig allen mit Liebe zuwende, schreibt nicht das Vatikanorgan „Osservatore Romano“, sondern die linksliberale „La Repubblica“.

Benedetto ist, so seltsam sich das angesichts seiner schüchternen Grazie im Umgang mit den Massen anhören mag, in Teilen moderner als der Pop-Papst JP-2. Er ist auch ein Kommunikator. Gesten, Sätze, Symbole – in der Synagoge, bei den jüdischen Freunden, wie er sie nennt, hat sich das gezeigt. Wie er ihre Hände nahm! Und wie er dann noch die gemeinsame Auslegung der Heiligen Schrift forcierte! Keine Revolution? Im Vatikan werden das manche anders sehen. Und ausgerechnet das geht vom ersten deutschen Papst seit 500 Jahren aus, 60 Jahre nach der Schoa. Das hilft auch diesem Land.

Natürlich kann man ihn auch anders sehen, ganz anders. Seine Angebote an die in der Gesellschaft, die die katholische Kirche gerne moderner hätten, sind sehr zurückhaltend. Aber sie sind trotzdem da. Allen hat er in Köln gedankt, keinen davon ausgenommen und keine „Problemgruppe“ gebildet. Das ist immerhin ein Zeichen, sehr fein, und ein neuer Ton. Ohne Fanfare.

Anders gesagt: Maß, Zurückhaltung, intellektualisiertes Charisma zu erkennen, fällt uns wohl dann schwer, wenn es feingliedrig daherkommt. Dass Benedikt so ist, ist aber auch kein Wunder. Er ist Kirchenlehrer, einer der bedeutendsten seit Jahrhunderten. Ein Professorenleben lang lehrte er, was Kirche sei. Nun ist er Eleve und mindestens bemüht, sich gelehrig zu zeigen.

Dieser Papst, unfehlbar? Er sagt, er mache Fehler und bitte die Jugend um Verständnis. Er sagt, er habe Gott gebeten, ihn nicht zu wählen, und der habe nicht auf ihn gehört. Dogmatisch ist das nicht. Oder so: Ist er nicht mehr, weil es seines Amtes ist, Menschen zu gewinnen. Wem Gott ein Amt gibt …

Und hochpolitisch ist Benedikt. Die Wahl seines Namens, die Wahl des neuen Chefs der Glaubenskongregation aus Amerika (die eine Öffnung nach Nord und Süd bedeutet), die Wahl der Stationen seines Weges – dieser Papst verschwindet nicht im Transzendenten, deutet keine Wolkenzusammenballungen als Zeichen, wie er vorgehen muss. Zwei wohlgesetzte Sätze reichten, um in Italien die Biotech-Debatte zu entscheiden. Das ist längst nicht mehr Johannes Paul, der Mystiker. Hier kommt „B-16“, der Gedankenvolle. Der Geistliche.

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