Meinung : „Der heutige Tag könnte euer letzter sein“

Christoph von Marschall

Sagt einer, Al Qaida kenne nur die Sprache der Gewalt? In einer bizarren Videobotschaft eine Woche vor dem fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 präsentieren sich die Terroristen als Botschafter der Barmherzigkeit und des Mitleids. Selbst Präsident Bush ist nach ihren jüngsten Worten nicht unrettbar der Hölle verfallen, sondern kann sein Seelenheil noch finden – indem er konvertiert. „Wenn der oberste Kreuzfahrer George W. Bush seinen Unglauben aufgibt, widerruft, das Licht des Islam annimmt und sein Schwert gegen Allahs Feinde richtet, würden wir ihn als Bruder aufnehmen“, heißt es auf dem Video, das am Sonnabend ins Internet gestellt wurde. Nichtmuslime, voran Amerikaner, werden vor die Wahl gestellt, noch heute überzutreten, „denn der heutige Tag könnte euer letzter sein“.

Der Hauptsprecher der Videobotschaft ist selbst Amerikaner: Adam Yahiye Gadahn, ein zum Islam übergetretener 28-Jähriger aus Kalifornien, der bei Al Qaida „Assam, der Amerikaner“ genannt wird. Er steht seit 2004 auf der Fahndungsliste des FBI, weil er Anschläge geplant habe und in Al Qaidas weltweiten Propagandakrieg verwickelt sei. Das Video ist mit September 2006 datiert und muss vor kurzem aufgenommen worden sein, da es Bezug auf den jüngsten Libanonkrieg nimmt.

Al Qaidas Nummer zwei, Ayman al Zawahiri, leitet die „Einladung zum Islam“ ein: „Unser Bruder Assam der Amerikaner, wendet sich an euch aus Mitleid angesichts des Schicksals, das jeden Ungläubigen erwartet.“ Assam trägt ein weißes Gewand und einen weißen Turban, sitzt vor einem Computer und einem Bücherstapel und zitiert Koranverse in Arabisch sowie in englischer Übersetzung.

Er wurde am 1. September 1978 als Adam Pearlman geboren und wuchs auf einer Farm in Riverside County auf, wo seine Familie Ziegen nach islamischen Speisevorschriften aufzog, um sie an Läden für muslimische Immigranten zu verkaufen. Der Großvater, ein Chirurg, war Jude. Sein Vater trat zum Christentum über und änderte den Familiennamen in Gadahn, angeblich beeinflusst durch den biblischen Gideon. Als Jugendlicher war Adam erst Fan von Heavy Metall, dann Hörer christlich-fundamentalistischer Radiosender. Als 17-Jähriger hatte er seine eigene Internetseite „Wie man Muslim wird“. 1998, er war 20, zog er nach Pakistan, heiratete ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan und brach den Kontakt zu seiner Familie ab.

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