Der Islam und die Gewalt : Gott ist klein

Zwei Weltreligionen haben Gewaltverzicht gelernt. Wie viel Aggression steckt im islamischen „Allahu akbar“? Ein Essay

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Friedlich vereint? In Großbritannien gab es traditionell wenig Vorbehalte gegen Muslime. Nun wollen Politiker weiter für Zusammenhalt werben.
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„Charlie Akbar“ lautete vor acht Tagen die radikalste Parole beim Pariser Millionenmarsch für ermordete Redaktionsmitglieder eines kleinen Satire-Magazins. „Charlie Hebdo“, dem Ziel des Anschlags vom 7. Januar, war der zweite Teil des Gebetsrufes „Allahu akbar“ (Gott ist größer) zugefallen, mit dem islamistische Attentäter ihre Massaker wie eine Andacht inszenieren. Die Heiligsprechung erklärte das fast vernichtete Spott-Organ zur Super-Postille: eine dialektische Ansage gegen Allahs Übergrößen und jede explosive XXL-Frömmelei, vom längsten Minarett bis zum dicksten Kirchturm.

"In diesem Zeichen wirst Du siegen"

Kriegerische Argumente zur Behauptung der überlegenen Religion gab es schon im europäischen Mittelalter: Daran erinnerte am 9. Januar der Ehrenpräsident des Front National, Jean-Marie Le Pen, als er Karl Martell, den „Hammer“ gegen die Araber-Invasion, seinen Lieblings-Charlie nannte. Darauf verweist neben Notre Dame das Denkmal für Karl den Großen, dessen blutige Zwangstaufen unterjochter Stämme zur Genesis des Abendlandes gehören. Lässt so ein Aggressionsgehabe irgendwann nach – oder überdauert der Drang im Markenkern eines rechthaberischen Eingottglaubens?
Dass die eigene Gottheit eine Wunderwaffe und stärker sein muss als der Götze des Feindes, hat vielen Gläubigen des Bergpredigers Jesus über Jahrhunderte eingeleuchtet: von der Kreuzes-Fahne des Generals Konstantin („In diesem Zeichen wirst du siegen“) bis zu „Gott mit uns“-Phantasien christlicher Weltkriegs-Nationen. Monotheistische Vorstellungen waren einerseits durch das überwältigende „mysterium tremendum“, den Schrecken eines omnipräsenten, rächenden, unnahbaren Allherrschers bestimmt worden. In den Staatskirchen vermengte sich bei der Vermittlung eines solchen Gottesbildes göttliche und fürstliche Gewalt. Das andere religiöse Urerlebnis, genannt „mysterium fascinosum“, die Anziehungskraft eines verzeihenden, sich erbarmenden Beschützers, ist von der Religionspädagogik lange vernachlässigt worden. Das ändert sich; doch wer mal unter Orgelbraus und Dauerbimmeln der Ministranten die Aufführung des Hits „Großer Gott, wir loben dich“ erlebt hat, ahnt etwas vom Omnipotenz-Zauber jener Zeiten, als ein „Te Deum“ (so der lateinische Originaltext des Liedes) bei Krönungs- und Siegesfeiern das Zeremoniell der Regierenden sakralisierte.

Auch im Judentum stehen am Anfang der kollektiven Geschichtstheologie Kriegsgott-Erzählungen – von der Eroberung Palästinas. Chauvinistische Mission ist für Israeliten, trotz universaler Ansprüche ihres Bundesgottes Jahwe, kein Thema, das rührt nicht zuletzt her von Untergangserlebnissen der Vertreibung und Versklavung, des Exils, der Diaspora. Jahwe bleibt in Psalmen und Propheten-Texten der Lenker von Blitz und Donner, die ultimative Rache-Instanz; zur Schilderung seines ambivalenten Charakters gehört aber ebenfalls zartes Erbarmen und die Sehnsucht eines Liebhabers, der das Herz seiner Geliebten mit allen Mitteln zurückgewinnt. Seine treuesten Anbeter und Propheten geraten in Isolation, Krankheit, Verfolgung, Zweifel, Verzweiflung: Schwäche-Situationen, die zur Supermacht schlecht passen. Dieses Paradoxon hat gläubige Juden umgetrieben. In einer Anekdote, die 2000 Jahre später aus Osteuropa überliefert wird, läuft ein Junge heulend zum Rabbi Baruch: Er habe sich lange beim Versteckspiel verborgen und merke jetzt, dass sein Freund ihn von Anfang an gar nicht suchte! Der Rabbi heult mit, er sagt: „So geht es Gott auch.“

Göttliche Selbstbeschränkung

Als Baruchs Tränen flossen, war die radikalste Spekulation jüdischer Denker zum Verständnis göttlicher Ohnmacht schon über hundert Jahre in der Welt. Am Ende des 16. Jahrhunderts, das mit der Vernichtung jüdischer Gemeinden Spaniens begonnen hatte, formulierte in der Nähe von Haifa Isaak Luria für seine Schüler der Kabbala (jüdische Mystik) eine Geheimlehre, die schnell variiert verbreitet wurde. Ausgehend von der Frage, wie neben einem omnipräsenten Allmächtigen etwas anderes existieren könne, das nicht ER selbst ist, spricht Luria von der Selbstkontraktion des göttlichen Wesens, hebräisch „Zimzum“: Durch solche Selbsteinschränkung entstehe in IHM ein mystischer Hohlraum des Nichts. Dort erschaffe das neu sich ergießende göttliche Licht ex nihilo etwas von sich selbst Unterschiedenes: das Universum, sein Gegenüber. Die Selbsteinschränkung samt anschließender Ausdehnung, alias Zimzum, wiederhole sich fortwährend, so dass die Schöpfung weitergeht – und Raum bleibt für Freiheit des Menschen.
Das Nichts des Zimzum, in dem ER abwesend präsent wäre, haben Gelehrte und Künstler bis ins 21. Jahrhundert als Ideensteinbruch genutzt: um Modelle für Koexistenz, den Urknall oder das Phänomen der Gottverlassenheit zu ergründen. Als Papst Franziskus 2014 in Yad Vashem während einer „Adam, wo bist du?“-Exegese meditierte, vielleicht habe nicht mal Gott sich für den Menschen „einen solchen Fall, einen solchen Abgrund vorstellen“ können, fiel der Begriff Zimzum nicht; aber im Internet attackierten Rechtgläubige diese „obszöne Häresie“, das Allwissen des Unwandelbaren in Frage zu stellen, als „blasphemisch“.

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