Meinung : Der Nachbar im Kopf

Warum Barack Obamas Vorsprung trotz idealer Bedingungen nur hauchdünn ist

Christoph von Marschall

Es ist ein ideales Jahr für die US-Demokraten. Alles ist bereit für einen Erdrutschsieg. Das Ansehen des Amtsinhabers Bush liegt unter 30 Prozent. Mehr als 80 Prozent der Bürger meinen, das Land sei auf dem falschen Weg. Sie wollen eine Wende. Bushs ehemaliger Außenminister Colin Powell erklärt seine Unterstützung für Barack Obama – das wiegt umso schwerer, weil Powell auch Generalstabschef war. Wenn der dem 47-Jährigen vertraut, wer darf dann ernsthaft behaupten, es mangele Obama an Erfahrung?

Jetzt durfte der Demokrat einen neuen Spendenrekord verkünden: Im September flossen ihm 150 Millionen Dollar zu, seit Wahlkampfbeginn hat er unglaubliche 605 Millionen erhalten. Er kann John McCain mit Fernsehwerbung vier zu eins erdrücken.

Und doch bleibt Obamas Team nervös. Trotz der idealen Bedingungen führt ihr Kandidat im Schnitt der nationalen Umfragen mit nur 5,5 Prozentpunkten. Die Demokratische Partei liegt zweistellig vor den Republikanern. Warum kann Obama das Potenzial nicht voll für sich nutzen?

Eine häufige Antwort lautet: Da zeige sich verdeckter Rassismus. Doch sie greift zu kurz. Natürlich gibt es in den USA – wie in jedem Land – Vorbehalte gegen Menschen anderer Hautfarbe und fremder Kultur. Meinungsforscher nennen es den Bradley-Effekt: Kandidaten dunkler Hautfarbe schneiden im Ergebnis schlechter ab als in den Umfragen. Tom Bradley kandidierte 1982 als Gouverneur für Kalifornien. Der langjährige schwarze Bürgermeister von Los Angeles führte in den Umfragen und verlor am Wahltag. Die Wähler wollten sich in den Interviews nicht zu ihren Vorbehalten bekennen, hieß es. In der Wahlkabine seien sie ihren Gefühlen gefolgt.

In den 80er und 90er Jahren bezifferte man den Bradley-Effekt mit sechs bis acht Prozentpunkten. Heute sagen viele Demoskopen, der Bradley-Effekt sei Geschichte. Nur fünf Prozent hätten noch Vorbehalte gegen schwarze Politiker. Die gingen nicht zur Wahl oder stimmten ohnehin für Republikaner. Obama schade das im Ergebnis also nicht. Zwei Wissenschaftler sprechen gar von einem umgekehrten Bradley-Effekt. Obama habe in Südstaaten besser abgeschnitten als in den Umfragen. Dort bestehe Konformitätsdruck gegen Schwarze. Obamas heimliche Fans bekennen sich erst in der Wahl, nicht in den Umfragen.

Wieder andere warnen, der Faktor Rasse sei viel bedeutender. Man müsse Obamas Werte um 10 bis 14 Prozent nach unten korrigieren – die Diskrepanz zwischen den Antworten auf die Frage „Würden Sie für einen Schwarzen stimmen?“ und „Würde Ihr Nachbar/Freund/Kollege für einen Schwarzen stimmen?“ Der zweite Wert sei der realistische.

Die USA sind nicht rassistischer als Europa. Die Bürger sind sich unsicher. Angesichts von zwei Kriegen und der Wirtschaftskrise haben sie Angst vor der eigenen Courage, erstmals das Neue zu wagen. Die Mehrheit findet Obama sympathisch und sogar vertrauenerweckender als McCain. Und doch ist er vielen auch nach 18 Monaten Wahlkampf kulturell etwas fremd. Er zeigt wenig Emotionen. Das ist klug, er darf nicht als „angry black man“ wirken. Intellektuelle Brillanz allein reicht aber nicht.

Obamas Erdrutschsieg ist möglich. Das zeigen die regionalen Umfragen in den entscheidenden Staaten. Die Nation glaubt aber noch nicht daran, dass die Revolution gelingt. Daher der niedrige Vorsprung landesweit. Breitet sich der Glaube an seinen Erfolg aus, wird er haushoch siegen. Wachsen dagegen die Zweifel, etwa durch einen Anschlag, kann er noch verlieren.

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