Meinung : Der neue Michel

UNSERE BESTEN DEUTSCHEN

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Jetzt sind sie gewählt, unsere besten Deutschen. Und vorausgesetzt, die ZDFAbstimmungscomputer haben nicht gemogelt, kann man ganz zufrieden sein. Denn in den Top 200 haben sich keine Querschläger aus den dunkleren Seiten der deutschen Geschichte einnisten können. Man würde aber am Wahlmodus zweifeln, wenn nicht Spaßkanditaten wie Daniel Küblböck (Platz 16) oder Dieter Bohlen (Platz 30) der ZDF-Walhalla eine gewisse demoskopische Glaubwürdigkeit geben würden. Das Volk, von dem Lenin sagte, es würde vor einer revolutionären Erstürmung eines Bahnhofs erst noch Bahnsteigkarten lösen, hat sich jedenfalls mit der Wahl der Besten unter ihnen aufs Trefflichste charakterisiert: Die revolutionären Köpfe Martin Luther (Platz 2), Karl Marx (Platz 3) und die Geschwister Scholl (Platz 4) werden durch die demokratischen Realpolitiker Willy Brandt (Platz 5) und Konrad Adenauer (Platz 1) eingerahmt. Die kollektive Erinnerung gestattet sich den wilden Traum von radikaler Veränderung der Verhältnisse und von selbstaufopfernder Zivilcourage, solange Papa Konrad und Onkel Willy drum herum für Stabilität und gemächliche Entwicklung der Institutionen sorgen. Mit dieser zahmen Art des Neo-Patriotismus ließe sich’s gut leben, denn er scheint frei von Revisionismus und im besten Sinne biedermeierlich zu sein. Auch wenn das Fernsehsofa heute den Ohrensessel ersetzt: Es ist gut, dass der Deutsche Michel etwas im Kopf hat, was ihm nicht in den revolutionären Beinen steckt. So kann eigentlich nichts schief gehen.mel

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