Meinung : Der Pudel bellt

Tony Blair will Saddam ein Ultimatum stellen – und entfernt sich vom Partner USA

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Von Matthias Thibaut

Der Urlaub ist vorbei. Tony Blair kann sich in der Irakfrage nicht mehr länger drücken. Das letzte Wort dazu sprach er im Juli und es war, wie immer, floskelhaft und ausweichend. Auch diese Woche wurde in den Londoner Amtsstuben noch einmal das alte Lied geleiert: Noch seien keine Entscheidungen getroffen, man dürfe keine voreiligen Schlüsse ziehen. Nur eines sei klar: „Nichts tun ist keine Option“.

Dennoch hat sich vieles geändert, in Europa, in den USA, in Großbritannien selbst. Europa hat in der Sache noch keine Stimme gefunden, wohl aber der Wahlkämpfer Gerhard Schröder. In den USA hat eine Debatte begonnen, nicht darüber, ob ein Krieg gegen Saddam richtig und rechtens ist – viele gute Argumente sprechen ja auch dafür – sondern darüber, ob er ohne internationale Legitimierung und eine langfristige diplomatische Perspektive überhaupt geführt werden kann. Die Briten mit ihrer „special relation- ship“ würden sich gerne einbilden, über geheimnisvolle Kanäle den Anstoß zu dieser Debatte gegeben zu haben. Präsident Clintons einstiger UN-Botschafter Richard Holbrooke schätzte gestern die Bereitschaft Washingtons, auf die britische Stimme zu hören, als gering ein.

Jedenfalls führen die Amerikaner nun die Diskussion, der Tony Blair ausgewichen ist. Das hat ihm im pazifistischen Europa mal den Ruf des obersten Kriegstreibers, mal den eines amerikanischen „Pudels“ eingebracht. Und nicht nur dort. Die Briten selbst wollen wissen, wo es lang geht. 52 Prozent der Labourmitglieder sind gegen den Krieg, kaum ein Drittel würde einen Krieg unterstützen. Blair ist zwischen der Kriegslust seines Freundes Bush und der offenen Kriegsablehnung im eigenen Land in die Klemme geraten.

Auch deshalb hat der Vorstoß des britischen Außenministers Jack Straw eine solche Bedeutung. Die Worte aus London sind zaghaft und mit geharnischten Reden Richtung Bagdad gut abgesichert. Doch mit der Andeutung eines Ultimatums für Saddam und dem klaren Akzent, den man nun auf Waffeninspektionen legt, hat sich London in den immer lauteren internationalen Chor des Widerstands gegen einen amerikanischen Alleingang eingereiht. Dies könnte der Beginn einer eigenen britischen Positionierung sein, die darauf besteht, dass ein Krieg ohne Diplomatie und ohne langfristige Perspektive zum Scheitern verurteilt wäre – selbst, wenn der Sturz Saddam Husseins ein solches Kinderspiel sein sollte, wie die Falken in Washington glauben machen wollen.

Interessant, wie es nun weitergeht. Lässt sich Bush nicht beirren, stehen wir Europäer alle bald vor heiklen Fragen transatlantischer Solidarität. Für die Briten aber steht das Jahrzehnte alte Fundament britischer Diplomatie, die „special relationship“ auf dem Spiel. Sollte der britische Premierminister die amerikanischen Isolationisten zum Eingeständnis ihrer globalen Verantwortlichkeit bekehren, stünde er wieder einmal als diplomatisches Talent da. Gelingt es aber nicht, ist die enge Partnerschaft zu den USA, von der man in London so viel und so gerne spricht, als Illusion entlarvt. Sie wäre dann nicht länger diplomatische Trumpfkarte für die Briten, sondern eine Fessel. Der Musterdiplomat Blair müsste sie zerschneiden – oder zum bloßen Waffenträger der Amerikaner werden.

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