Meinung : Der Schlaf der unschuldigen Räte

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Von Ursula Weidenfeld

Was haben Josef Ackermann, der mächtige Chef der Deutschen Bank, und Klaus Zwickel, der einflussreiche Chef der IG Metall, gemeinsam? Gegen beide wird wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Denn beide saßen im Aufsichtsrat der Firma Mannesmann, als der britische Mobilfunkkonzern Vodafone die Übernahmeschlacht um das Düsseldorfer Unternehmen eröffnete. Im Aufsichtsgremium entschieden sie mit, als es darum ging, die feindliche Übernahme durch Vodafone abzunicken. Beide zeichneten mit, als der Mannesmann-Chef Klaus Esser und seine amtierenden und ehemaligen Vorstandskollegen über ihre Abfindungen und die Auszahlung ihrer Pensionsansprüche verhandelten.

Darin sieht die Staatsanwaltschaft nun offenbar Anhaltspunkte für einen Untreueverdacht zu Lasten des Unternehmens. Heute, in einer Zeit, in der das Vermögen, das über zehn Millionen Deutsche an der Börse gebildet haben, nicht mehr viel wert ist, ist jedem offensichtlich, dass eine Abfindung von 60 Millionen Mark viel Geld in einer Krisenbranche wie der Telekommunikation ist. Damals erschien es den Vorständen und Aufsichtsräten angemessen. Schließlich hatte Esser den Aktionären hohe Kurszuwächse beschert.

Klaus Zwickel war der Erste, der nach der Übernahme, der Zerschlagung des Mannesmann-Konzerns und den ersten Rationalisierungswellen scharf kritisierte, dass die Mannesmann-Manager mit so viel Geld nach Hause gehen durften. Dass er selbst an der Entscheidung beteiligt war, hat er dabei verdrängt. Die Vermutung liegt nahe, dass der Gewerkschaftschef im Aufsichtsrat des Konzerns komplett den Überblick verloren hatte. Näher jedenfalls als die, dass er dem Mannesmannchef aus Vergnügen ein paar Millionen extra genehmigt haben soll. Der Verdacht zur Beihilfe bei einer Bereicherung ist deshalb – bei aller Kritik an Zwickels unglücklicher Figur in der Sache – ziemlich absurd.

Dennoch macht gerade die Rolle Zwickels deutlich, woran es den Aufsichtsräten in deutschen Unternehmen mangelt: an Übersicht. An Sachkenntnis. An Engagement.

Immer noch verhalten sich viele deutsche Aufsichtsräte so, als sei die Kontrolle eines milliardenschweren Konzerns ein vergleichbares Ehrenamt wie das des Kassenwarts beim Gesangsverein. Das ist fahrlässig. Die Regierungskommission, die die Grundregeln guter Unternehmensführung in einem so genannten Corporate-Governance-Kodex zusammengefasst hat, fordert Aufsichtsräte, die sich Zeit für das Unternehmen nehmen, die die Wettbewerber kennen und die für die amtierenden Vorstände als Sparrings-Partner zur Verfügung stehen.

Nur solche Kontrolleure seien in der Lage, die Interessen der Eigentümer zu wahren. Davon aber sind die Aufsichtsräte in der Realität weit entfernt. Die Vertreter der Kapitalseite sind zu oft in Ehren gealterte ehemalige Vorstände des Unternehmens, die Vertreter der Arbeitnehmer zu häufig allein auf die Arbeitsplätze in Deutschland fixiert. In beiden Fällen spielen die Interessen der Eigentümer, der Aktionäre, eine untergeordnete Rolle. In beiden Fällen ist eine wirkliche und effektive Kontrolle der Unternehmen nicht möglich.

Das hat dramatische Folgen, gegen die die Abfindungen für ehemalige Mannesmannvorstände tatsächlich eine Kleinigkeit ist. Viel schwerer wiegt zum Beispiel der Vorwurf der Kontrolleure beim insolventen Unternehmen Babcock Borsig, sie seien nie richtig und vollständig informiert worden. Sonst hätten sie das Schlimmste vielleicht verhindern können. Die Beschwerden kamen erst, als bei Babcock alles zu spät war. Bis dahin hatten sich die Vertreter offensichtlich mit dem begnügt, was ihnen gegeben wurde. Immer haben Vorstände riesige Spielräume, bis ein Versäumnis oder das Versagen auffällt.

Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, legte übrigens sein Aufsichtsratsmandat bei Vodafone nieder. Begründung: Er verstehe zu wenig von der Branche. Und er habe zu wenig Zeit, um sich einzuarbeiten.

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