Meinung : Der Tod von Mr. Sicherheit

Vergessenes Erbe: Vor zehn Jahren wurde Jitzhak Rabin ermordet Von Igal Avidan

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Im Jahr 1994 wurde Premierminister Jitzhak Rabin zum traditionellen Jahrestreffen mit hochrangigen Chefredakteuren im Pressehaus in Tel Aviv eingeladen. „Er stieg aus dem Wagen und wir standen auf den Treppen zur Straße und unterhielten uns kurz. Sogar einige Passanten begrüßten Rabin“, erinnert sich der damalige Gastgeber Yoram Peri. „Danach gingen wir mit den beiden Bodyguards Rabins ins Haus.“ Am 4. November 1995 wurde Rabin von einem fanatischen Juden ermordet, der damit den Friedensprozess torpedieren wollte.

Als vor kurzem Ariel Sharon zu Gast war, wurde „das gesamte Gebiet für den Verkehr gesperrt", schreibt Peri in seinem neuen Buch über das Vermächtnis Rabins. „Drei Lastwagen voller Kiesel wurden auf dem Mittelstreifen vor dem Gebäude platziert, um die Detonation einer Autobombe abzumildern, Metallplatten riegelten die Fenster ab. Sharon kam schließlich durch den Noteingang.“ Diese Sicherheitsvorkehrungen sind jedoch die einzigen Konsequenzen der Ermordung. Vor allem die Hetze einiger Rabbiner gegen Rabin wurde weder untersucht noch bestraft. Kein Wunder, dass in dieser Woche die Familie des Attentäters Jigal Amir eine neue Website lancierte, auf der Rabin als „Verbrecher gegen das eigene Volk“ dargestellt wird, der vom eigenen Geheimdienst ermordet wurde. Gleichzeitig sammelt die Familie Unterschriften zur Begnadigung Amirs.

Für diejenigen Israelis, die sich als jüdisch, religiös und national betrachten, ist die Ermordung Rabins kein nationales Trauma. 54 Prozent der Siedler meinen, dass Rabin durch seine Kompromisse selbst die Schuld für seinen Tod trage. Das Scheitern des Friedensprozesses mit den Palästinensern, den er eingeleitet hat, belastet ihr Andenken an Rabin ebenso wie die Terroranschläge. Als unausgesprochener Kompromiss gilt daher, Rabins zu gedenken, ohne daran zu erinnern, dass er wegen seiner Friedenspolitik ermordet wurde. Betont wird stattdessen die militärische Seite des „Mr. Sicherheit“ – vom Unabhängigkeitskrieg 1948 bis zum Sechs-Tage-Krieg von 1967. Zunehmend wird des Gedenkens selbst gedacht. Vor allem in der jährlichen Medienberichterstattung, die sich über eine ganze Woche erstreckt – vom weltlichen Datum bis zum nationalen Gedenktag nach dem jüdischen Kalender.

Einig sind sich die Israelis nur in ihrer Angst vor politischer Gewalt. Ein Drittel der Erwachsenen und die Mehrheit der Jugendlichen hält einen weiteren Mordanschlag für sehr oder für ziemlich wahrscheinlich. Drei von vier Israelis glauben, dass die Gesetze gegen Volksverhetzung nicht angewandt werden. Eine effiziente Bekämpfung jüdischer Extremisten wird durch die Vorstellung verhindert, die Israelis sollten angesichts des palästinensischen Terrors und der iranischen Bedrohung unbedingt die innere Einheit bewahren. Dass eine noch größere Gefahr von innen lauert, wollte man in jener Nacht während der Friedenskundgebung in Tel Aviv, auf der Rabin erschossen wurde, nicht wahrhaben.

Und die Ironie der Geschichte lässt den derzeit am meisten gefährdeten Israeli als wirklichen Nachfolger Rabins erscheinen: Ariel Scharon. Dass der eine an einen Dialog mit den Palästinensern, der andere an eine einseitige Politik glaubte, haben die meisten Israelis längst vergessen.

Der Autor ist Deutschland-Korrespondent des „Jerusalem Report“.

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