Meinung : Der Traum ist aus

Armin Lehmann

Der Tango ist traurig, es gibt kein Happy End. Das genau ist jetzt die große Gefahr für Argentinien, dem Land, das den Tanz geboren hat. Argentinien ist bankrott, aber es weiß nicht, wie es aus dieser Krise herauskommen soll. Und das hat einen kulturellen Grund: Außer Tango hat Argentinien nur wenig, woran es sich festhalten kann, woran es glaubt, was zusammenhält. Evita Peron ist schon lange tot, Maradona spielt keinen Fußball mehr. Eine lateinamerikanische Identität gibt es hier nicht, nur europäische Einwanderer, die keine Latinos sein wollen, sondern so wie Europäer oder wie Amerikaner. In einer Krise wie dieser hilft das nicht.

132 Milliarden Dollar Schulden erdrücken den Staat, der einst zu den reichsten der Welt gehörte. Experten sagen, die Situation sei schlimmer als alle mexikanischen Tequila-Krisen zusammen. Der IWF hat seine Hilfstranchen eingefroren und statt dessen unaufgefordert Brasilien gestützt. Präventiv quasi, um die Seuche aufzuhalten. Der Bankrott aber trifft nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft an einem wunden Punkt: Sie weiß nicht, was sie eint.

Die Wirtschaftsmisere und der internationale Vertrauensverlust sind schlimm genug. Dramatischer noch ist die Selbstverstümmelung. Die Gesellschaft rast seit Jahren wie blind in den Abgrund, mal wild feiernd, ausgelassen und dekadent, dann wieder voller Selbstmitleid und unfähig zum Krisenmanagement. Ein politisches Debakel. Und gehörig schuld daran hat Ex-Präsident Carlos Menem.

Nur der Tango lebt

Seine Amtszeit begann 1989 vielversprechend: Die Dollarangleichung an den Peso drückte die Hyperinflation (3000 Prozent) fast auf Null. Sie war ein Trauma wie die Zeit der Militärs. Die neue Stabilität suggerierte Sicherheit, ein Erfolg Menems. Darüber hinaus aber hatte er nur ein Konzept: Privatisierung. Neu investiert aber wurde nicht, weder in Bildung noch in Arbeitsplätze. Als es der Wirtschaft noch besser ging, hätte man aussteigen können aus der Dollarbindung, als die Rezession kam, war es zu spät. Menems Argentinien kannte keinen Sparkurs, einen Hans Eichel gab es nie.

Die Gesellschaft spielte lange mit. Als die Wirtschaft bergab stürzte, gingen die Menschen weiter einkaufen in die neuen Shoppingcenter. Wer weniger hatte, kaufte auch, auf Pump und mit hohen Zinsen. Zügellos, bis es nicht mehr ging. Die Dollaranbindung hatte die Lebenshaltungskosten explodieren lassen, die Löhne blieben eingefroren, die Arbeitslosenzahl nahm zu. Argentinien konsumierte, aber es produzierte nicht. Das naive Vertrauen ins Wachstum blieb das einzige Programm. Bis heute, über zwölf Jahre nach dem Ende der Diktatur, ist keine politische Reform erfolgt. Die starre Beamtenbürokratie ist uneffektiv und aufgebläht, die nötige Steuerreform blieb aus, Renten-, Arbeitslosen- und Sozialversicherungen wurden vernachlässigt, für Bildung gab es kein Geld. Die wachsenden Slums im Großraum Buenos Aires wurden ignoriert. Die Politik stolpert von einem Korruptionsskandal zum nächsten.

Die Kirchen warnen seit langem vergeblich: Die Gesellschaft verkomme, ohne Werte, ohne Orientierung, ohne Vertrauen in Politik und Demokratie. Und ohne Vorbilder. Menem aber beschimpfte seine Gegner stets mit dem Gestus des Diktators, die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Mittellosen waren für ihn nur "Asoziale und Kriminelle". Ausgerechnet Menem, frisch aus dem Hausarrest entlassen, den man wegen Waffenschmuggel gegen ihn verhängt hatte, will nun wieder Präsident werden. Er polemisiert gegen seinen Nachfolger Fernando de la Rua, der so versagt hat wie er selbst. Dabei hilft jetzt nur die nationale Geste, parteiübergreifend. In der Not hält man zusammen, das muss das Land schon selbst lernen. Es wäre ein Signal, nach innen und nach außen. Sonst wird nur der Tango weiterleben.

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