Meinung : Der Weg ist lang zum Weißen Haus

Der Bericht über New Orleans offenbart die Defizite des amerikanischen Staatsaufbaus

Christoph von Marschall

Freitagabend hat in New Orleans die Saison der täglichen Karnevalsumzüge begonnen. Zwölf Tage fast wie im Rausch, die in diesem Jahr vor allem einem Ziel dienen: der Stadt und ihren Bewohnern den Glauben zurückzugeben, dass alles wieder gut werden kann, sechs Monate nach dem Hurrikan „Katrina“.

Es war aber auch die Woche, die Amerika an das „Versagen des Staates auf allen Ebenen“ erinnerte, wie das Abgeordnetenhaus jetzt feststellte. Der Bericht ist ein unerwartetes Geschenk für die Demokraten im Wahljahr. Sie hatten die Untersuchung boykottiert aus Sorge, die republikanische Mehrheit wolle doch nur die Regierung weißwaschen. Nun nutzen sie den Bericht als Munition gegen Präsident Bush. Dessen Umfragewerte sind wieder unter 40 Prozent gefallen.

Der Bericht offenbart, wie sehr das politische System der USA auf zentrale Führung durch das Weiße Haus ausgerichtet ist. Was der Präsident thematisiert, erfährt nationale Aufmerksamkeit – und dann setzt das Land auch seine enormen Ressourcen ein: politisch, ökonomisch, militärisch. Hurrikan „Katrina“ war nicht rechtzeitig auf dem Radarschirm des Weißen Hauses, Bush selbst noch im Urlaub auf seiner Ranch in Texas.

Gut vier Jahre nach 9/11 erwiesen sich die Evakuierungspläne, die doch angeblich in Reaktion auf den Terrorangriff auf New York für alle Großstädte auf den neuesten Stand gebracht worden waren, in New Orleans als ungenügend. Überlebenswichtige Informationen wurden falsch bewertet oder nicht weitergegeben. Bereits am Montag, als die Dämme brachen, wussten nationale Behörden dank Hubschrauberflügen von der sich anbahnenden Überflutung eines Großteils der Stadt. Bush erfuhr nichts davon. Noch am Dienstag sagte er im Fernsehen, New Orleans sei glimpflich davongekommen. Mit vielen Tagen Verspätung sprang die große Rettungs- und Hilfsmaschinerie an. Ein früheres Eingreifen des Weißen Hauses hätte viele Menschenleben retten können, urteilt der Bericht.

Er konzentriert sich auf das Versagen von Regierung und Verwaltung bei Katastrophenvorsorge und Hilfe. Er gibt keine Antwort, was zum Bruch der Dämme führte. Diese Untersuchungen dauern noch an. Es ist eine entscheidende Frage für die Entscheidung vieler Bürger, ob sie ihr Haus aufbauen: Hat das Schutzsystem aus Dämmen und Pumpen wegen Konstruktionsmängeln oder schlechter Wartung versagt? Oder bietet es selbst im Idealzustand keinen Schutz gegen Hurrikans dieser Stärke?

Keinen Beleg gibt der Bericht für den Vorwurf, die Regierung habe die Schwarzen im Stich gelassen. „Katrina“ kannte keine Rassen, der weiße Bezirk Lakeview ist ebenso zerstört wie die schwarze Lower Ninth Ward. Doch die ökonomischen Unterschiede sind unübersehbar. Die von der Flut verschonten höheren Wohnbezirke sind weiß. Im überwiegend weißen Lakeview beginnen die Ersten mit dem Wiederaufbau, die schwarze Lower Ninth sieht auch heute noch aus wie nach einem Atomschlag.

Im ganzen Land stellen sich Amerikaner die bange Frage: Wenn die Regierung bei einem angekündigten Hurrikan so versagte, wie sähe wohl die Reaktion auf einen überraschenden Terrorangriff auf eine Großstadt aus? Trotz all der Milliarden für Terrorabwehr und Heimatschutz ist das Vertrauen, dass dieser Präsident die Bürger schützen kann, gering.

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