Desertec : Eine Welt im Gleichstrom

Es geht nicht nur um Versorgungssicherheit: Das Wüsten-Solarprojekt Desertec könnte Orient und Okzident neu verknüpfen

Kevin P. Hoffmann

Ist es ein Masterplan, eine Vision, eine Fiktion oder Utopie? Große Worte begleiten die Debatte über den Wüstenstrom. Andere bevorzugen die Begriffe Fantasie oder gar Irrsinn in dem Zusammenhang. Nüchtern betrachtet ist zunächst einmal die Idee: Solarthermische Kraftwerke in der Sahara könnten Europa teilweise mit Strom versorgen und unsere Industriegesellschaft aus ihrer Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen befreien. Am heutigen Montag wollen sich erstmals Vertreter von zwölf Unternehmen in München an einen Tisch setzen, um darüber zu beraten.

Faszinierend an dem Wüstenstrom ist zum einen die Technik – auch wenn das Prinzip, Sonnenlicht mit gebogenen Spiegeln zu bündeln, uralt ist. Fast interessanter ist der Diskurs darüber und seine Genese. Da braut sich was zusammen, etwas Demokratisches, über Grenzen hinweg Verbindendes – das aber noch klein und zerbrechlich ist.

Seit etwa sechs Jahren wird die Idee auf Basis einer Initiative von deutschen Klimaforschern und dem Club of Rome intensiver in Fachkreisen diskutiert. Sie haben das sogenannte Desertec-Konzept entwickelt. Seit es vor etwa vier Wochen bekannt wurde, dass es zum ersten Wüstenstrom-Gipfel kommt, mischen sich auch Nicht- Akademiker ein. In Internetforen und Leserbriefen an ihre Zeitung diskutieren, ja streiten sie leidenschaftlich über Gleich- und Wechselstrom, Leitungsverluste und Einspeisevergütungen. Sie vergleichen Wirkungsgrade solarthermischer Kraftwerke mit denen von Photovoltaikanlagen. Wer kannte bisher überhaupt den Unterschied?

Dass auch technische Laien in die Debatte einsteigen, zeigt, worum es geht: Rohstoffknappheit, und davon ausgehend um Friedenspolitik, neuen Kolonialismus, Terrorgefahr. Es geht um Versorgungssicherheit, um die Großindustrie gegen den Mittelstand. Wüstenstrom kann zum Mega-Thema werden, weil er die Gesellschaft durchdringt. Umwelt, Technik, Politik, Wirtschaft, auch die Kultur: Können Morgenland und Abendland nach Jahrhunderten blutiger Konflikte alte Verbindungen neu knüpfen? Womöglich ist das „Super- Grid“ – jenes Leitungsnetz, das man über Europa, Nordafrika und den Mittleren Osten spannen müsste, um den Wüstenstrom mit Windkraft aus der Nordsee zu kombinieren – sogar eine Antwort auf Goethes west-östlichen Divan: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Zu wirr, zu weit gedacht? Vielleicht. Aber Spinnereien sind bei diesem Thema möglich, sogar nötig. Anders lässt sich keine Idee verfolgen, von der selbst jene Forscher, die den Plan erstellten, sagen, dass es bis zum Jahr 2050 dauern könnte, bis er Wirklichkeit wird. Desertec wäre (anders als die Mondlandung) ein Mehr-Generationen-Projekt. Nur Konzerne, die tatsächlich davon überzeugt sind, dass sie mit der Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien im großen Stil Geld verdienen können, werden so ein Projekt langfristig stemmen wollen und können. Und diese Firmen sind darauf angewiesen, dass es weiterhin neugierige Kleinkünstler, Krankenschwestern und Lehrer gibt, die sich nach Feierabend einmischen, die Fehler aufzeigen, quer denken oder einfach nur laut von einer kohlendioxidfreien Welt träumen.

Was nach diesem Wüstengipfel von München deshalb niemand braucht, sind Kleingeister, die motzen, weil nicht sofort klar ist, ob das Projekt jetzt 400 oder 500 Milliarden Euro kosten würde, und wer es bezahlen soll. Nicht nur dieses Stromnetz, sondern vor allem die Debatte darüber könnte Kontinente verbinden und ist daher zu wichtig, um sie im Keim zu ersticken.

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