Deutsche und Israel : Ein flexibles Gefühl

Von der Kritik am Antisemitismus und dem guten Ton: Wenn es um Israel geht, werden Deutsche empfindlich - aber ganz anders als früher.

Malte Lehming

Im Lichthof des Auswärtigen Amtes ist derzeit eine Ausstellung mit dem etwas sperrigen Titel „Antisemitismus? Antizionismus? Israelkritik?“ zu sehen. Es ist eine Wanderausstellung, unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung. Wer sich darüber hinaus engagieren will, kann im September in Berlin, veranstaltet von der TU, an einer Sommeruniversität gegen Antisemitismus teilnehmen. Im Anschluss daran ist eine Exkursion zur Gedenkstätte Theresienstadt geplant. Kein Zweifel, das Thema hat sich vom Rand in die Mitte der Gesellschaft bewegt.

Ein Blick zurück. Vor 25 Jahren, nachdem Israel zum ersten Mal im Libanon einmarschiert war, sprachen deutsche Zeitungen ungeniert von der „Endlösung der Palästinenserfrage“, die in Beirut eingeschlossenen PLO-Kämpfer waren die „Juden des Nahen Ostens“. Sabra und Schatilla wurden zu Synonymen für Massaker, die Israelis verübt hatten. Dabei wusste jeder, dass die Massakrierer christliche Falangisten gewesen waren. Damals gab es kaum Intellektuelle, die gegen die verzerrte Sicht protestierten. Die wenigen, die es taten, galten als exzentrisch und übersensibilisiert. Heute hingegen gibt es Studienfächer zum Thema „Israel und die Medien“, es werden Doktorarbeiten dazu verfasst, alle seriösen Medien wachen mit Argusaugen über jeden möglicherweise antisemitisch angehauchten Faux Pas. Um die Veränderung auf eine kurze Formel zu bringen: Vor 25 Jahren war jener Antisemitismus, der sich als Antizionismus tarnt, in deutschen Medien virulent – nun ist es die Kritik an diesem Antisemitismus, die zum guten Ton gehört.

Den Wächtern entgeht nichts und niemand. Jeder Möllemann und Hohmann wird sofort registriert, seziert und skandalisiert. Wenn Jimmy Carter, Udo Steinbach oder Peter Scholl-Latour sich allzu betroffen vom Los der Palästinenser zeigen, wenn Hans-Christian Ströbele, ein Tagesthemen-Kommentator oder ein Bischof, der sich angesichts des Sicherheitszaunes zur Westbank an die Berliner Mauer erinnert fühlt, den Ton verfehlen, wird das ebenfalls aktenkundig gemacht. Und das ist auch gut so. Denn verschwunden sind die Ressentiments keineswegs. Noch immer werden, wenn es um Israel geht, historisch belastete Parallelen bemüht, die dazu dienen, die deutsche Vergangenheit zu entsorgen. Die Perfidie hat an Raffinesse sogar zugenommen. Erst sagt der Antisemit, die Israelis seien wie die Nazis, dann wird er dafür gerügt, dann wendet er gegen die Rüge ein, sie belege die Macht einer „zionistischen Lobby“, ihre Gegner zu zensieren. Aber auch dieser Trick ist längst durchschaut.

Die Verzerrung in der Israel-Berichterstattung ist eine Konstante in deutschen Medien. Allerdings hat sie an Intensität stark abgenommen. Drei Faktoren tragen dazu bei. Erstens, das Verblassen der deutschen Vergangenheit. Je länger die Nazizeit zurückliegt, desto schwächer ist das Bedürfnis, sich auf dem Israel-Umweg aus der Verantwortung zu stehlen. Anders gesagt: Wer nicht mehr darunter leidet, Deutscher zu sein, dem fehlt irgendwann die Entsorgungsmotivation, der braucht nicht mehr die Missetaten Israels, um eigene Schuldgefühle zu kompensieren. Zweitens, die Kompliziertheit des Problems. Vor 25 Jahren standen sich ein militärisch starkes Israel und ein drangsaliertes palästinensisches Volk gegenüber. Damals hatten noch keine Terrorgruppen wie Hamas, Dschihad oder Hisbollah von sich reden gemacht. Es war relativ leicht, für die Palästinenser und gegen Israel zu sein. Das ist nach dem 11. September 2001, den Anschlägen von London und Madrid und dem knapp vereitelten Anschlag der Kofferbomber in Deutschland schwieriger geworden. Vehement wird nun auch in Europa über Kopftücher und Moscheebauten gestritten. Und jener Intellektuelle, der sich früher aus Solidarität ein Palästinensertuch umband, gerät ins Grübeln und denkt: Araber möchte selbst ich nicht als Nachbarn haben. Drittens gibt es effiziente Ablenkungen aus Washington und Warschau. Was ist schon ein Ehud Olmert gegen George W. Bush?

Kein Volk hat unendlich große Abneigungspotenziale, also muss es sich entscheiden. Wer Israel kritisiert, verbrennt sich schnell die Finger. Angesehener ist es, auf Bush und die Kaczynskis einzudreschen. An denen tobt sich die neudeutsche Spottlust aus. Wen kümmert da noch der Nahe Osten? Nicht die verzerrte Darstellung Israels ist heute das Problem, sondern die fehlende Darstellung, die Interesselosigkeit, das Gefühl, in der Region ändere sich nie etwas, ob Friedensprozess oder nicht. Der Fortschritt ist halt eine Schnecke, aber immerhin: Sie läuft.

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