Deutscher Osten : Leben und trinken in der Trostlosigkeit

Der Osten zerfällt: In den Städten herrscht der Erfolg, in der Provinz dagegen jugendlicher Stumpfsinn.

Lutz Rathenow

Der Stumpfsinn hat viele Namen und Gesichter. In den seltensten Fällen ist er rechtsradikal organisiert. Für die besonders im Osten existierende Gewaltbereitschaft braucht es nur die ganz normale männliche, jugendliche, abgestumpfte Mitte der Gesellschaft, für die Kampftrinken einen Höhepunkt an Lebensqualität darstellt. Der Stumpfsinn bedient sich aber dann rassistischer Anleihen, wenn er wieder einmal ins Aggressive umkippt, weil er am eigenen Gelangweiltsein verzweifelt.

Ja, der Osten ist fremdenfeindlicher grundiert als der Westen. Er kann sich das allerdings abgewöhnen, wenn es sich lohnt: Die Touristen in den eleganten Orten an der Ostseeküste werden bestens umsorgt. Der Osten zerfällt eben in Zonen unterschiedlicher Verhaltensmuster. Vitale Städte mit vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten und kulturellen Angeboten wie Halle, Rostock, Jena oder Dresden – oft mit einem regen studentischen Leben. Und auf der anderen Seite die mehr oder weniger nett herausgeputzte Trostlosigkeit kleiner Städte, großer Dörfer in entindustrialisierter Landschaft: Das letzte Kino schloss, Gaststätten sind zu teuer, die engagierten jungen Frauen gingen weg. Teile dieser Generation leben von den Ersparnissen und Renten der Eltern.

Dieses Gefälle kannte ich schon in meiner Jugend. Den Dorftanz einiger Ortschaften galt es für Auswärtige zu meiden. „Unsere Hühner bumsen wir selber!“ – ein Spruch, der Minderwertigkeitskomplexe verriet. Zu ausländerfeindlichen Auseinandersetzungen kam es damals nicht – in Ermangelung dieser. Auch heute wachsen Jugendliche heran, die einfach zu wenig Fremdes sehen und erleben, während sie medial mit dem Glamour einer Erlebniswelt gefüttert werden, die nach Wustrow oder Wurzen nie kommt. Einen Abend auf dem Kölner Hauptbahnhof zu verbringen, heißt mehr interessante, fremd aussehende Menschen zu treffen, als ein Wustrower sie in seinem ganzen Leben zu Hause sieht.

Die klassische westdeutsche Anti-rechts-Arbeit prallt vor diesem Hintergrund ab. Die für eine Demo einreisende Antifa wirkt dann in Mügeln noch fremder auf die Leute als die Inder, gegen die sie ja an sich nichts haben. Nur manchmal laufen sie Gefahr, zum Blitzableiter für unendlich viel Frust zu werden. Und ob der „Ausländer raus!“- Schreiende bewusst rechtsradikal beeinflussen will oder ob er instinktiv zum tabuisiertesten aller Sprüche greift, das ist gar nicht so einfach zu klären. Denn die mediale Reaktion gibt ihm ja recht: So viel Furcht und Angst wie mit den dümmsten rechtsradikalen Losungen kann er mit nichts anderem schüren. Die Eltern verstehen ihre gewaltbereiten Kids viel zu gut, sie klagen, dass diese keinen Job haben. Eine DDR-geprägte Staatsregulierungssucht tritt da hervor.

Die beliebte Forderung nach mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft forciert die Sehnsucht nach den militärisch disziplinierten Regeln. Gewalt ist als staatliche Verfügungsgewalt eine zu selbstverständliche Größe in der DDR gewesen. Sie funktionierte staatlicherseits zu oft, um etwas zu erreichen. Wie ist das eigentlich mit den Generationen der gedienten Grenzsoldaten in der DDR, die das Leben in eintrainierter Tötungsbereitschaft auch heute meist als normal zu rechtfertigen suchen. Als ehemaliger Grenzsoldat weiß ich, wovon ich rede: Wie soll ein Ex-Grenzsoldat seinen Sohn ernsthaft von den Normen einer zivilen gewaltlosen Bürgergesellschaft überzeugen?

Was tun? Jugendarbeit finanziell fördern ja, das auch. Auf jeden Fall politische Bildungsarbeit schon in der Schule, damit nicht das Gequatsche von der DDR, in der jeder seine Arbeit hatte und Ausländer nach strikter Nützlichkeit ins Land gelassen worden, die Gedanken vernebelt. Dafür braucht es Lehrer, die nicht erschöpft kurz vor der Rente stehen und noch nostalgischer sind als ihre Schüler. Und natürlich wären Arbeitsangebote hilfreich, aber die wird es an diesen Orten nicht geben, in die kaum einer freiwillig umsiedelt. Eigentlich brauchte jeder, der dort heranwächst, ein Jahr Auslandsaufenthalt. Indien wäre nicht schlecht.

Der Autor, einst DDR-Dissident, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Gewendet – vor und nach dem Mauerfall“ (Jaron Verlag).

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