Deutsches Benehmen : Maß & Mitte bei Merkel & Co.

Stephan-Andreas Casdorff

Benehmen ist Glückssache, sagte man früher. Früher, das war, als Helmut Schmidt noch regierte oder Helmut Kohl. Im vorigen Jahrhundert also. Heute wissen unsere Politiker nicht mehr so genau, was ihres Amtes ist. Und was nicht. Dabei geht es gar nicht in erster Linie um Michael Glos, den Minister für Wirtschaft, der sich als Stellvertreter der Kanzlerin aufmandelte, um dann einen Polizisten abzukanzeln. Der arme Kerl. Nein, es geht auch um die Kanzlerin selber und um ihren Vize.

Maß und Mitte, das ist das Thema. Übrigens eines, das in der Christdemokratie bei deren Vordenkern früher wichtig war, verbunden mit der Frage: Was will ich erreichen und wie? Angela Merkel, eine Protestantin, hat den katholischen Papst ermahnt – es sollte niemanden wundern, dass etliche Katholiken in ihrer C-Partei und darüber hinaus das als Anmaßung empfanden. Der Papst hat sie schon irritiert, die Kanzlerin jetzt nicht minder; denn ihr Amt ist weltlich, ihre Aufgabe ist es auch. Sie muss dem Gemeinwesen dienen, nicht jenem höheren Wesen, das manche verehren. Wenn die Kanzlerin nun aus Gründen politischer Hygiene erreichen wollte, dass ein Holocaust-Leugner nicht die Kirche in Anspruch nehmen kann, dann hätte sie ihn, den Bischof, angreifen müssen, um dem Papst die Möglichkeit des Eingreifens zu überlassen. Stattdessen lobt Merkel den Vatikan anschließend für seine Richtungsänderung – als hätte sie Richtlinienkompetenz. Die hat sie nur als Bundeskanzlerin. Was wohl Kohl dazu gesagt hätte?

Oder der Vizekanzler. Die Sitten unter Rot-Grün waren andere, raubauziger, lauter, lockerer. Nur wer sich jetzt auf Schmidt beruft und sich dessen Autorität fürs Amt leihen will, der sollte sich auch von seinem Amtsverständnis leiten lassen. Da ist er ein Maß. Der Vizekanzler hat als Außenminister neulich einen sogenannten offenen Brief geschrieben – vorgeblich an Barack Obama, in Wirklichkeit an die deutschen Wähler. Das Publikum ist aber gar nicht so dumm. Und der neue US-Präsident bekommt den „Spiegel“ wahrscheinlich auch nicht mit der persönlichen Post. Schmidt hätte das gewusst.

Was will ich erreichen und wie? Die Frage bleibt. Die Antwort auch: Am meisten erreicht man – im Benehmen.

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