Deutschland und der Islam : Angst und Wunsch nach Abgrenzung

06.10.2010 12:27 UhrVon Thomas Seibert

In der Islam-Debatte in Deutschland wird häufig so getan, als bilde das perverse Verständnis eines Osama bin Laden von einer gottgefälligen Welt den "wahren" Kern dieser Religion. Muslimische Normalbürger, etwa in der Türkei, erkennen ihre eigene Religion in diesem Zerrbild nicht wieder.

Besonders in den Unionsparteien regen sich Kritiker darüber auf, dass Bundespräsident Christian Wulff festgestellt hat, auch der Islam gehöre zu Deutschland. In der Türkei wurde Wulff dafür sehr gelobt. Umso merkwürdiger erscheint aus diesem Blickwinkel die jetzt losgebrochene Empörung über das Staatsoberhaupt. Die Türkei, die sich immer wieder – durchaus gerechtfertigte – Kritik aus Europa an ihrem Umgang mit religiösen Minderheiten anhören muss, erfährt nun von der CSU, dass aus Religionsfreiheit nicht Religionsgleichheit werden dürfe. Hätte ein türkischer Politiker so etwas von sich gegeben, wäre die CSU sicher gleich wieder mit ihrer Warnung vor einer EU-Mitgliedschaft Ankaras über die Dörfer gezogen.

In der Islam-Debatte in Deutschland wird häufig so getan, als bilde das perverse Verständnis eines Osama bin Laden von einer gottgefälligen Welt den „wahren“ Kern dieser Religion. Muslimische Normalbürger, etwa in der Türkei, erkennen ihre eigene Religion in diesem Zerrbild nicht wieder.

Eine wörtliche Auslegung des Koran sei mit modernen westlichen und demokratischen Werten unvereinbar, lautet ein Argument - ganz so, als sei das bei einer wörtlichen Auslegung der Bibel anders. Im Islam habe es nie einen Bruch wie die Aufklärung gegeben, die im Westen die Rolle der Religion zurückdrängte, wird ebenfalls häufig kritisiert. Aber wer sagt denn, dass die Geschichte Europas das Maß aller Dinge ist und dass es einen solchen Bruch geben muss? Möglicherweise entwickeln sich manche Dinge in anderen Religionen anders als bei den Christen in Europa – soll vorkommen.

Viele Gelehrte in der islamischen Welt machen sich sehr wohl Gedanken darüber, wie ein moderner Islam aussehen sollte. Das Religionsamt in der Türkei zum Beispiel brandmarkt Zwangsehen, Ehrenmorde und die Entrechtung von Frauen als unislamisch. Der vor kurzem verstorbene Muhammed Sayyid Tantawi, als Chef der Al-Azhar-Universität in Kairo einer der führenden islamischen Gelehrten weltweit, stufte den Gesichtsschleier von Frauen als bloße Tradition ohne religiöse Grundlage im Islam ein. Im Westen werden diese Stimmen und Entwicklungen kaum wahrgenommen. Der Islam erscheint als gewaltbereiter, anti-westlicher und hoffnungslos reformresistenter schwarzer Block.

Aus den teils groben Verallgemeinerungen über den Islam und der Kritik an Wulff sprechen vor allem Angst und der Wunsch nach Abgrenzung. Der Satz von der Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland ist ein Aufreger, weil er die starke Furcht vieler Deutscher vor einer Übernahme des Landes durch das Fremde – den Islam – berührt. Theo Sarrazin ist auch deshalb so erfolgreich mit seinen Thesen, weil er seinen Lesern bescheinigt, dass sie sich völlig zu recht fürchten.

Natürlich muss über die Mängel der bisherigen Integrationspolitik gestritten werden. Islamische Extremisten sollten aber auch in einer sehr emotional geführten Debatte als das beschrieben werden, was sie sind: Randfiguren. Niemand verlangt von christlichen Normalbürgern in Europa, sie sollten sich von den Schwerverbrechern der „Lord’s Resistance Army“ in Uganda distanzieren, die im Namen des christlichen Gottes ihre Opfer töten, verstümmeln und terrorisieren und Kindersoldaten einsetzen. Muslime in Europa sehen sich dagegen dem Generalverdacht ausgesetzt, ferngesteuerte Gotteskrieger bin Ladens zu sein, die nur darauf warten, den Krummsäbel zu ziehen.

Mangelnde Differenzierung ist nicht nur schlecht für die Integration von Millionen Muslimen in Europa. Sie erschwert auch die Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Gefahr durch Extremisten wie bin Laden: Wer den Islam mit Terror, Unrecht und Mittelalter gleichsetzt, kann nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.

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