Die Affäre Jung : Nicht zu halten

Wie konnte jemand glauben, dass die Wahrheit über den Fall Kundus nicht irgendwann ans Licht kommt? Die Folgen des politischen Erdbebens sind nicht absehbar, nicht für die Truppe – aber auch nicht für die aktuelle Regierung.

Sven Lemkemeyer

Wie konnte jemand glauben, dass die Wahrheit über den Fall Kundus nicht irgendwann ans Licht kommt? Bei dem Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklaster in Afghanistan hat es offenbar doch zivile Opfer gegeben. Und: Die Informationen über die Konsequenzen der Attacke lagen in Berlin schon Stunden später vor. Zeugenaussagen, Fotos, Fernsehbilder und ein US-Oberkommandierender hatten von Anfang an wenig Zweifel daran gelassen, dass in Kundus etwas gehörig schiefgelaufen war. Dass etwas passiert war, was so gar nicht in das Bild passte, das auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung so gerne von der Truppe vermittelte. Die Führung der Bundeswehr tat das, was sie am liebsten tut, besonders, wenn es um den Afghanistan-Einsatz geht: tarnen und verschleiern. Was im Kampf am Hindukusch für die Soldaten überlebensnotwendige Taktik sein kann, hat in der Heimat jetzt zu schweren Verlusten geführt. Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind erschüttert.

Die Bundeswehr hat sich zu einer Armee im Einsatz gewandelt. Unter großen Mühen, aber sie ist nach vorn marschiert. Stillgestanden – das gilt dagegen für die Außendarstellung der Truppe, für die Art und Weise, wie die militärisch und politisch Verantwortlichen die Öffentlichkeit informieren. Mehr als 8200 Soldatinnen und Soldaten befinden sich im Auslandseinsatz, vom Parlament entsandt. Die Frauen und Männer machen ihren gefährlichen Job. Und sie machen – wie wir alle – auch Fehler. Das ist in einem Krieg bitter, weil davon oft die Falschen betroffen sind. Aber die traurige Wahrheit ist: Zivile Opfer werden sich nie ganz vermeiden lassen. Sie zu verschweigen, ist die nächste Katastrophe. In einer Welt, in der aus allen Winkeln der Erde quasi im Sekundentakt live berichtet wird, in der sich beinahe jede Information im Internet recherchieren lässt, muss es heißen: Das sind die Fakten, die wir kennen. Und das sind die Konsequenzen, die wir daraus ziehen. Transparenz schützt!

Die Folgen des politischen Erdbebens sind nicht absehbar, nicht für die Truppe – aber auch nicht für die aktuelle Regierung. Dass deren neuer Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg umgehend Verfahrensfehler in der vergangenen Legislaturperiode zugab, ist eine bisher in dieser Form noch nie da gewesene Ohrfeige für einen Amtsvorgänger, noch dazu aus der Schwesterpartei. Guttenberg grenzt sich schnell und klar ab. Die Entlassung des Generalinspekteurs und die Beurlaubung des Staatssekretärs sind ein klares Signal, in der Spitze von Jungs Ministerium war etwas gewaltig faul. Diesen Eindruck konnte Jung auch bei seiner Erklärung im Bundestag nicht entkräften. Im Gegenteil, seine Ausführungen werfen mehr Fragen zu seinem Verhalten und seiner Informationspolitik auf, als sie Antworten geben. Zum Beispiel, warum Schneiderhan gehen muss, wenn alles korrekt abgelaufen ist? Ein Minister, der mit sich im Reinen ist, tritt anders auf.

Angela Merkel spürte im September nach Jungs katastrophalem Krisenmanagement, dass ihr CDU-Parteifreund als Verteidigungsminister nicht mehr zu halten sein würde. Die Bundestagswahl rettete den überforderten Hessen über die Zeit, und die Kanzlerin verschaffte dem von ihr geschätzten Jung einen Neustart als Arbeits- und Sozialminister. Dem drohen ein Untersuchungsausschuss und quälende Fragen. Eine wird sein, wie er sein neues Haus führt. Dass er dem noch lange vorsteht: schwer vorstellbar.

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