Meinung : Die Berliner Rede

Liebeserklärung an eine Hauptstadt: Warum ein Wuppertaler Preuße allen Menschen wünscht, eine Zeit lang hier zu leben

Johannes Rau

Ganz herzlich danke ich für die Wahl zum Ehrenbürger von Berlin. Ich weiß diese hohe und besondere Auszeichnung zu schätzen. Sie stellt mich in eine lange Reihe bedeutender Persönlichkeiten, die vor mir geehrt worden sind – und, wie ich zu meiner Freude bereits sagen kann: nach mir geehrt werden. Ich freue mich sehr darüber, dass Heinz Berggruen der nächste Ehrenbürger Berlins sein wird.

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Was verbindet den bergischen Reformierten, der fast 70 Jahre in Wuppertal gelebt hat, mit Berlin? Ist es die angenehme Pflicht, als Bundespräsident in der Hauptstadt zu leben und zu arbeiten?

Als ich 1931 geboren wurde, war Berlin nicht nur die Hauptstadt der ersten deutschen Republik, sondern auch des Landes, zu dem meine Heimatstadt gehörte: Preußen. Weltoffenheit, Liberalität und Toleranz Berlins haben wesentlich dazu beigetragen, dass das Preußen der Weimarer Republik ein demokratisches und modernes Land war, ein Land, das bis in die letzten Monate der ersten deutschen Demokratie politisch ungleich stabiler war als das Reich oder die meisten anderen Länder.

Meine ersten eigenen Erinnerungen an Berlin reichen ein halbes Jahrhundert zurück. Das sind Bilder von Schülerreisen und Jugendfreizeiten. Es sind Erinnerungen an fröhliche Begegnungen und an spannende Entdeckungen – und natürlich auch an Bilder der Zerstörung, wie ich sie auch aus meiner Heimatstadt kannte. Ungewohnt und unbegreiflich aber war die Teilung, die sich wie eine Narbe durch die Stadt zog, eine Narbe, die nicht verheilte, sondern immer deutlicher hervortrat.

Die Wochen nach dem 13. August 1961 stehen mir lebhaft vor Augen: Kurt Scharf, der spätere Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, war von seiner Ost-Berliner Wohnung abgeschnitten, und Stück um Stück habe ich wichtige Unterlagen und Gegenstände in täglichen Fahrten im Handgepäck nach West-Berlin geholt. Mochten die Ost-Berliner Grenzbeamten dem nordrhein-westfälischen Abgeordneten auch mit Misstrauen begegnen – sie ließen ihn doch unbehelligt.

Berlin, das sind so viele persönliche Erinnerungen und Verbindungen – aus Schülerarbeit, aus Kirche und Politik. Oswald Hanisch und Karl Strache fallen mir aus den Jugendjahren ein. Mehr als einem der Regierenden Bürgermeister bin ich besonders verbunden gewesen oder noch immer verbunden – so Willy Brandt und Richard von Weizsäcker, aber auch Jochen Vogel und Walter Momper; und Heinrich Albertz, für den ich vor elf Jahren in diesem Haus die Trauerrede gehalten habe. So viele Menschen mehr gäbe es zu nennen, Freunde, die in Dahlem leben und in Pankow, in Frohnau und in Lichtenberg.

1968 hatte ich zugesagt, am Ostermontag an einer Diskussion in der Evangelischen Studentengemeinde an der Gedächtniskirche teilzunehmen. Thema sollte sein: „Der Kompromiss als ethisches Problem“. Doch ich kam zuerst nicht einmal mehr in den Versammlungsraum; auf der Straße vor der Kirche diskutierten wir ein ganz anderes Thema: Vier Tage zuvor war Rudi Dutschke niedergeschossen worden.

Damals wie heute war Berlin mehr als ein Ort, die Stadt war Brennpunkt von Geschehen und Geschichte und damals zudem Symbol der Konfrontation und der Teilung zwischen Ost und West.

All das kulminierte im November 1989 und in den aufregenden Monaten danach.

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Als unser Land dann glücklich vereint war, drohte eine neue Frage die Nation zu spalten: Welche Stadt sollte künftig der Sitz von Deutschlands Parlament und Regierung sein?

Am 20. Juni 1991, nach einer denkwürdigen Debatte, ist die Entscheidung für Berlin gefallen. Ich habe mich damals für Bonn eingesetzt – nicht nur, weil mir das als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident selbstverständlich war, sondern auch, weil Bonn natürlich ein Stück meiner Lebensgeschichte war und ist.

Jenseits aller Kontroverse war mir damals eines wichtig, und das habe ich auch im Bundestag unterstrichen: Das Parlament muss streiten und wägen – und dann muss es entscheiden. Und diese Entscheidung – ganz gleich, wie sie ausfällt – muss dann auch gelten, und sie muss von allen gemeinsam umgesetzt werden. Darum habe ich von Anfang an all jenen eine Absage erteilt, die den Beschluss revidieren wollten.

Im Rückblick kann ich sagen: Viele der Sorgen, die die Befürworter Bonns sich damals gemacht haben, sind glücklicherweise nicht wahr geworden. Bonn ist nach wie vor eine lebendige, attraktive Stadt mit internationalem Flair; der notwendige Strukturwandel nach dem Verlust der Hauptstadtrolle ist gut gelungen.

Eine andere Sorge galt der föderalen Balance unseres Landes. Die deutsche Geschichte ist geprägt von der Vielfalt und vom Reichtum der Länder, Regionen und Territorien. Der bundesstaatliche Charakter unseres Landes ist ein wesentlicher Teil unserer Identität, und ihn wollen wir erhalten. Manche fürchteten 1991, genau er könne Schaden nehmen. Heute wissen wir, dass es so nicht gekommen ist. Selbst der Begriff „Berliner Republik“, mit dem diese – befürchtete oder von manchen vielleicht auch erhoffte – Entwicklung umrissen wurde, ist aus der Debatte weitgehend verschwunden. Die föderale Balance ist sicher vielfach gestört – aber nicht durch Berlin.

Gewiss wird es auch künftig noch manche Diskussion über Änderungen in der Aufgabenverteilung geben. Dann wünsche ich mir, dass die Beteiligten so fair miteinander umgehen wie in den zurückliegenden Jahren.

Und wo steht Berlin heute? Die Klagen sind beredt und bekannt – aber was überdecken sie nicht alles!

Wer die Stadt vor 1989 erlebt hat und heute erstmals in sie zurückkehrt, erkennt sie nicht wieder. Friedrichstraße und Potsdamer Platz, Kanzleramt und Lehrter Bahnhof, Kuppel des Reichstagsgebäudes, Osthafen und Pariser Platz sind Stichworte des neuen Berlin. Ein Kranz bedeutender Hochschulen erfreut sich zu Recht großer Beliebtheit, in den Hackeschen Höfen pulsiert hauptstädtisches Leben, und West und Ost begegnen sich im Prenzlauer Berg. Touristen bevölkern den früheren Checkpoint Charlie und suchen in der Bernauer Straße oder in der East-Side-Gallery nach Spuren von Unrecht und Teilung. Medienfirmen sitzen in aufgelassenen Fabrikgebäuden; in Adlershof und in Buch entstehen Zentren der Wissenschaft; ein früherer Militärflugplatz ist zum Wohngebiet geworden.

Keine Stadt in Europa, ja vielleicht in der Welt, hat im vergangenen Jahrzehnt so viel Wandel, so viel Aufbruch, so viel Zuversicht erlebt wie Berlin. Ich sage das ganz bewusst, denn natürlich beschreibe ich nur einen Teil der Realität dieser Stadt – aber einen wichtigen Teil, der mir viel zu oft ausgeblendet oder übersehen wird. Berlin, das ist Begegnung und Neubeginn, das ist ein Magnet für die Jugend und kulturelles Experimentierfeld.

Berlin – für mich ist das auch die Stadt, in die meine Kinder erst nicht ziehen wollten – wer lässt schon gerne seine Freunde zurück –, aus der sie jetzt aber nicht mehr wegwollen. Doch nicht nur ihretwegen wollen wir auch nach dem Ende meiner Amtszeit mehr als nur einen Koffer in Berlin haben - Berlin hat meine Frau und mich gleichermaßen in seinen Bann geschlagen.

Umso mehr freue ich mich darüber, heute Ehrenbürger dieser Stadt zu werden.

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Ehrenbürger Berlins zu sein, das heißt natürlich auch: Anteil nehmen an den ungeheuren Problemen dieser Stadt, an den großen Aufgaben, die zu lösen sind. Wem diese Ehre zuteil wird, dem steht es auch gut an, so meine ich, sich dafür einzusetzen, dass Berlin Unterstützung erfährt. Schon der erste Ehrenbürger der Stadt, Conrad Gottlieb Ribbeck, bekam die Ehrenbürgerrechte dafür, dass er – so die offizielle Darstellung der Stadt – „sich für die Bevölkerung und eine Verringerung ihrer Belastungen“ einsetzte.

Sie alle wissen, wie viele der heutigen Schwierigkeiten hausgemacht sind. Wir alle wissen aber auch, dass keine Stadt und kein Land in Deutschland sich in einer vergleichbaren Lage befindet – einer Lage, die auf besondere Art das Ergebnis der deutschen Geschichte ist.

Berlin und seine großartige Kulturlandschaft, das war die Hauptstadt des reichen Landes Preußen, das es nicht mehr gibt. Das herausstaffierte Berlin der Nachkriegszeit, das war die „Hauptstadt der DDR“ und das „Schaufenster des Westens“ – das eine ist verschwunden, das andere hat sich überlebt. Mit dem Erbe einer großen und reichen Vergangenheit sitzt Berlin vor einer bangen Zukunft.

Berlin weiß, dass es seine Hausaufgaben erledigen muss – aber Stadt und Land Berlin erwarten zu Recht, dass sie nicht allein gelassen werden. Selbst in der Zeit, als die Wirtschaft Preußens und des Reiches florierte, hat Berlin die Kosten seiner vielfältigen Aufgaben ja nie vollständig aus eigener Kraft bestreiten können.

Lassen Sie mich, als Zwischenbemerkung, einschieben: Die Bereitschaft, der Bundeshauptstadt in ihren besonderen Funktionen zu helfen, wäre gewiss größer, wenn sie nicht als eines von 16 Ländern besonderer Hilfe bedürfte, sondern als größte Stadt in Brandenburg, die eben zugleich die Bundeshauptstadt ist.

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Die Debatte über die Hauptstadtrolle Berlins muss auch deshalb eine nationale Debatte sein, weil sie untrennbar mit der Frage zusammenhängt, was die Nation denn von sich selber erwartet.

Was in einer Hauptstadt geschieht und wie das wahrgenommen wird, das hat, im Guten wie im Schlechten, Bedeutung für das ganze Gemeinwesen. Die Frage, was unser Land von Berlin erwartet, welche Rolle es der Hauptstadt zuweist, das hat eng damit zu tun, wie wir Deutsche unser vereintes Land sehen, was wir als Deutsche von uns selber erwarten und wie wir unser Selbstverständnis ausdrücken.

Politik braucht auch Symbole. Wie die Hauptstadt sich darstellt und das Land mit ihr, das hat auch viel mit Symbolik zu tun. Doch wir Deutsche tun uns nach wie vor schwer mit staatlicher Selbstdarstellung, mit Repräsentation und nationalen Symbolen, mit Gedenken und Feiern, mit Jahrestagen, Gebäuden und Orten.

Allein schon die Worte: „deutsch“ und „Deutschland“ kommen uns oft genug nur schwer über die Lippen. Es wäre interessant, einmal herauszufinden, wie oft im Leben ein Deutscher seine Nationalhymne hört, geschweige denn sie mitsingt. Und warum ist es so, dass am Brandenburger Tor nur deshalb das Licht nicht ausgeht, weil ein Energiekonzern als Geldgeber einspringt? Wie ist es um das Kronprinzenpalais bestellt – nicht allein eine wunderbare Immobilie mitten in der Stadt, sondern auch der Ort, an dem der Einigungsstaatsvertrag unterschrieben wurde? Und wer im Herzen der Stadt die trostlose Ödnis des Schlossplatzes erlebt, der muss sich sagen, dass es eben nicht reicht, einen Neubau des Schlosses bloß zu beschließen.

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Ende des 18. Jahrhunderts notierte ein Reisender über die Stadt: „In Berlin kann einer mit einer Schellenkappe auf dem Kopf umherreiten, und man wird keine Notiz von ihm nehmen.“ Das mag damals kritisch gemeint gewesen sein – im Lichte der Aufklärung betrachtet, ist es ein Lob für die Toleranz und die Weltoffenheit, die diese großartige Stadt bis heute auszeichnen.

Ich wünsche Berlin, der Stadt der Einheit, dass sie die Stadt der Vielfalt bleibt – dass der Hauptstadt der Kiez nicht verloren geht und dass die Stadtteile ihren Charakter bewahren, dass in Berlin auch künftig jeder „nach seiner Façon selig werden kann“ und dass Berlin eine Stadt des Erinnerns bleibt und eine des Aufbruchs, Drehscheibe und Schmelztiegel, Brennpunkt und Brücke Europas.

Menschen aus aller Welt sollten sich wünschen, zumindest eine Zeit lang in Berlin zu leben.

Vor allem wünsche ich der Stadt einen Aufschwung, der den Menschen Arbeit und Auskommen gibt.

Dem Ehrenbürger gewährt die Stadt Rechte – dem sollte eine Pflicht entsprechen, die ich gerne auf mich nehme: Was immer in meinen Möglichkeiten steht, will ich tun, dazu beizutragen, dass unser Land sich in seiner Hauptstadt abbildet und wiederfindet und dass jeder ein wenig Stolz empfindet, wenn im Ausland von Berlin gesprochen wird und Deutschland gemeint ist.

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