Meinung : Die Bundesliga beginnt: Der Ball hat Kultur

Helmut Schümann

Kann das sein: Es ist Fußball-Bundesliga, und kaum einer schaut zu? Und wenn das so ist - kommt dann der Fußball wieder zu den Fans? Sie müssen zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs hierzulande Vorleistungen erbringen, wenn sie Bilder ihrer Helden im Fernsehen sehen wollen. Das gibt der Debatte um Fernsehrechte, Radioreporte und Kurzberichterstattung eine absurde Schicksalhaftigkeit - am Ende werden wir noch beim Europäischen Gerichtshof anfragen müssen, ob es ein Menschenrecht auf Fußballgucken gibt. Oder auf schönes Wetter.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Es ist, wie es ist, das Wetter und auch der Umstand, dass Fußball teuer ist. Heute startet die Bundesliga in ihre neue Saison und sie wird wieder von zwei Faktoren geprägt sein: der Ökonomie und der Unterhaltung. Die Unterhaltung findet auf Seiten der Fans statt, sie reicht von kultischer Verehrung bis zum bloßen Amüsement. Mag sein, dass die Kultverehrer, jene Sucht-Fans, auch Niederlagen ihrer Teams in Kauf nehmen, weil sich so wunderbar Trost finden lässt in der Melancholie der Vergeblichkeit. Noch wunderbarer aber ist das Happy End, der Sieg. Wer siegen will, braucht eine gute Mannschaft, eine gute Mannschaft kostet Geld, das Fernsehen gibt Geld - und bestimmt dann, wer wann wo zuschauen darf. Mehr bestimmt es nicht.

Es kann nicht verfügen über Triumph oder Trauer, nicht über den Titel und auch nicht über den Abstieg. Solange das so bleibt, ist der Fußball als Kulturgut unzerstörbar. Dass er das ist, liegt wahrscheinlich auch am Wesen des Balles, dem der weise Kardinal Nikolaus Cusanus im 15. Jahrhundert Vollkommenheit zugesprochen hat und die Fähigkeit, in all seiner runden Ordnung dem Prinzip des Zufalls zu gehorchen. Wohnen also dem Fußball Ordnung und Chaos inne, rollt er im Sinne aller Erscheinungen der menschlichen Existenz. Der weise Sepp Herberger hat das später auf den Punkt gebracht: "Keiner weiß, wie es ausgeht."

In jüngster Zeit hatten wir uns ein wenig satt sehen sollen an diesem Zusammenspiel der Kräfte. Immer mehr Spiele auf immer mehr Kanälen - so viel Überraschung kann gar nicht sein, dass dieses Überangebot noch Spannung hätte bieten können. Man erinnert sich in diesem Zusammenhang an den Boom des Tennis in den späten achtziger Jahren, als nahezu täglich gelbe Filzbälle über die Mattscheibe flitzten. So täglich, dass der überwiegende Teil des Publikums es am Ende nicht mehr ertragen konnte. Wahrscheinich ist es ganz gut, dass der Fußball sich nun verknappt, schöner wäre es allerdings gewesen, wenn sich Klubs und Verbände selber etwas rarer gemacht hätten, statt an sieben Tagen in der Woche mit frei zugänglichem Fernsehfußball das Interesse des Publikums über Gebühr zu strapazieren.

Im Übrigen folgt die Liga bei ihrem Rückzug aus dem öffentlich-rechtlichen Raum den europäischen Gepflogenheiten. In diesem Punkt, in anderen noch nicht, und da tut sie gut daran. Denn der Nimbus der Unzerstörbarkeit ist gefährdet in Italien und Spanien und England, wo die Vereine sich mit immer fantastischeren Transfersummen ökonomische Zwänge auferlegen, dass sie entweder vor der Pleite stehen oder bald an der Unwägbarkeit des Fußballs herumdoktern müssen. Was zuerst einmal heißt, dass amerikanische Sportverhältnisse drohen, wo ein Abstieg nicht möglich ist und allein Wirtschaftlichkeit über die Ligazugehörigkeit entscheidet. Der deutsche Weg ist moderater, ist klüger, wenn auch beispielsweise in Dortmund schon fast dreistellige Millionenbeträge für Neueinkäufe ausgegeben wurden. Aber noch halten sich Ökonomie und Unterhaltungswert beim Fußball die Balance. Kippt sie zugunsten der Finanzen, muss auch hier die Unkalkulierbarkeit ausgeschlossen werden, um die wirtschaftlichen Belange zu sichern. Dann muss man sich ernsthaft sorgen um die Unzerstörbarkeit des Fußballs.

Aber noch nicht, weil er sich dafür bezahlen lässt, dass man ihm zusieht. Noch ist der Fußball stark. Heute Abend, nach den ersten Spielen der Saison, was wird da wohl das Thema sein? Nicht die Radiokonferenz, nicht die Bilder im Bezahlfernsehen, auch nicht, ob Jörg Wontorra seine Sache als Showmaster gut gemacht hat. Aber die Frage, warum diese verfluchte Pille an die Latte geknallt ist statt ins Netz zu rauschen, die wird bewegen.

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