Meinung : Die grüne Versuchung und der Öl-Junkie

Präsident Bush ruft den größten maritimen Naturpark der Erde aus und will das erste emissionsfreie Kohlekraftwerk der Welt bauen

Christoph von Marschall

Ist George W. Bush ein verkappter Grüner? Seit der „State of the Union“, der Rede zur Lage der Nation, wird er nicht müde, Amerikas Energieverbrauch zu kritisieren. Die USA seien „oil addicted“. So abfällig, wie der Präsident es ausspricht, klingt es, als empöre er sich über einen Drogenabhängigen. In keiner Rede seither fehlt die Passage. Die Bürger sollen Energie sparen, er lobt die sparsamen Hybridautos und wirbt für erneuerbare Energien: Biodiesel, Solarzellen, Windkraft. Den Treibhausgasen sagt er den Kampf an. Bis 2012 soll das erste emissionsfreie Kraftwerk der Welt ans Netz gehen – in den USA. Einen Milliardenbetrag hat er für Forschung und Erprobung bereitgestellt.

Zu Monatsbeginn hat Bush einen erklärten Umweltschützer als neuen Finanzminister nominiert: Henry M. Paulson, Chef von Goldman Sachs. Der gilt als Kritiker der US-Klimapolitik unter Bush. Für die Unternehmenspolitik der erfolgreichsten Investmentbank der Erde hat er eine achtseitige Umweltrichtlinie vorgegeben. Er will die Bank zur führenden Institution im Emissionshandel machen.

Paulsons Passion ist das Beobachten von Raubvögeln in freier Wildbahn. Viele Millionen Dollar haben dieser amerikanische Grüne und seine Frau für Umweltschutzorganisationen gespendet, um Biotope aufzukaufen und sie vor wirtschaftlicher Nutzung zu schützen. Noch rätselt Amerika, mit welchen Zusagen der Präsident Paulson dazu brachte, den Job des „Treasury“ anzunehmen, in dem er ein Hundertstel seines Bankgehalts verdient. In dieser Woche versprach Bush, er wolle das größte maritime Naturschutzgebiet der Erde schaffen: eine 2200 Kilometer lange und 150 Kilometer breite Inselkette im Nordwesten Hawaiis mit 7000 Tier- und Pflanzenarten; ein Viertel davon gibt es nirgendwoanders rund um den Globus.

Wie bitte, Bush ein Grüner? Für gläubige Umweltschützer grenzt schon die Frage an Ketzerei. Der Mann ist doch groß geworden in der texanischen Ölindustrie, dort hat er sein Geld gemacht und seine politischen Netzwerke aufgebaut. Wenn hier einer ein Öl-Junkie ist, dann der Präsident höchstselbst.

In den Augen wahrer Grüner führt er Kriege um Öl, heute im Irak, morgen vielleicht im Iran. Und er torpediert den Kampf gegen eine Klimakatastrophe, lehnt das Kyoto-Protokoll ab und weigert sich, die Erderwärmung als Folge menschengemachter Treibhausgase zu sehen.

Ein konsequenter Naturschützer ist Bush auch nicht: Ginge es nach ihm, dürfte die Ölindustrie selbst in streng geschützten Nationalparks in Alaska oder Wyoming nach neuen Quellen bohren. Im Zweifel gibt er der Ökonomie Vorrang vor der Ökologie. Die Vorgaben seiner Regierung für die staatliche Forstverwaltung, die „Healthy Forest Initiative“, lässt Umweltschützern in Montana die Haare zu Berge stehen. Unter einem gesunden Wald verstehen sie weite naturbelassene Flächen. Bush dagegen einen bewirtschafteten Wald mit ausreichend Holzeinschlag und entsprechendem Wegebau.

Die meisten Deutschen sind überzeugt, dass sie mehr Einsicht in die menschengemachten Probleme des Globus zeigen als Bushs Amerika. Die Statistiken sprechen allerdings eine andere Sprache. Deutschland importiert zwei Drittel seiner Energieträger, die USA weniger als ein Drittel. Bei der Stromerzeugung setzen die USA zu 55 Prozent auf heimische Kohle, Deutschland bleibt unter 50 Prozent. Atomstrom spielt in den USA (20 Prozent) eine geringere Rolle als in Deutschland (27 Prozent). Amerika (16 Prozent) verstromt mehr umweltfreundliches Gas als Deutschland (10 Prozent). Bei Wasser- und Windenergie liegt Bushs Amerika (7,5 Prozent) nur knapp hinter der Bundesrepublik (8,6 Prozent). Alles in allem erfüllen die USA die Wunschvorstellungen fast besser als die Deutschen: weg von der Atomkraft, weg von der Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas, nur bei erneuerbaren Energien müssen sie noch ein bisschen aufholen.

Der Straßenverkehr ist eine Hauptursache der schädlichen Treibhausgase. Die Abgasvorschriften für Autos sind in den meisten US-Bundesstaaten schärfer als in Deutschland. Den Ton gibt das umweltbewusste Kalifornien vor. Neuengland übernimmt in der Regel die kalifornischen Vorgaben. Gemeinsam zwingen diese umweltbewussten Staaten die Autohersteller, überall in den USA nur die saubersten Autos anzubieten. Kalifornien ist der Staat mit den meisten Verbrauchern und lenkt den Markt. Es lohnt sich nicht, für die Käufer in anderen Bundesstaaten mit laxeren Vorschriften „schmutzigere“ Modelle mit weniger aufwändiger Abgastechnik zu produzieren.

Es ist eine generelle Erfahrung: Was man im Ausland über Amerika denkt, enthält meist einen Kern Wahrheit und zugleich eine Prise Vorurteil. Ob Energiemix oder Emissionen, Todesstrafe, Religionsunterricht oder Abtreibung: Die USA sind ein höchst diverses Land. Jede Aussage über ein Streitthema, die in einer Region richtig sein mag, kann, verallgemeinert auf das ganze große Land, falsch sein. Das gilt auch für die Umweltpolitik in Bushs Amerika.

Seine Gegner haben ja Recht: Die USA haben den höchsten Energieverbrauch. In absoluten Zahlen sowieso – sie sind die größte Volkswirtschaft der Erde –, aber auch pro Kopf. Und sie schicken die meisten schädlichen Treibhausgase in die Atmosphäre. Das liegt, erstens, an der dynamischen Wirtschaft. Die USA erzielen Wachstumsraten und schaffen neue Jobs in Größenordnungen, von denen Deutschland nur träumen kann.

Zweitens sind die Energiekosten niedriger. Die Anreize, sparsam damit umzugehen, sind geringer. Die Autos und Motoren sind größer, ihr Verbrauch höher. Häuser sind schlechter isoliert, entsprechend fallen im Sommer die Kühl- und im Winter die Heizkosten aus. Die US-Industrie muss sich auch geringere Sorgen um Umweltschutz oder Energieeffizienz machen.

Da setzten die Kritiker an, auch jüngst wieder bei der Klimakonferenz in Montreal. Zwischen 1990 und 2004 habe Deutschland seinen CO2-Ausstoß um 19 Prozent gesenkt, in den USA sei er um 16 Prozent gestiegen. Ein falsches Bild, schimpft Paula Dobriansky, Staatssekretärin im State Department. Nach ihren Unterlagen hat Bushs Regierung 20 Milliarden Dollar für Klimaschutzprogramme ausgegeben und die Treibhausgase zwischen 2000 und 2003 um 0,8 Prozent reduziert. „Die USA sind da führend“, auch im Langzeitvergleich stünden sie besser da als viele Kyoto-Unterzeichner. Und schon finden sich beide Seiten in den ideologischen Gräben wieder.

Doch das Nein zum Klimaprotokoll mit verbindlichen Emissionsobergrenzen ist keine Neuerung unter Bush. Sie entspricht dem politischen Konsens in den USA, auch Bill Clinton hat keine andere Politik verfolgt. Kyoto-Befürworter wie Clintons Vizepräsident Al Gore sind Außenseiter. Sein Film „Unangenehme Wahrheit“, der vor der Klimakatastrophe warnt, brachte ihm einen Auftritt bei den Festspielen in Cannes ein und wird in den Feuilletons besprochen. Nur sehen will ihn kaum jemand.

Die unterschiedliche Entwicklung der Emissionswerte der USA und Deutschlands kann man zudem auch weit nüchterner deuten. Deutschland verdankt den Rückgang der Treibhausgase nicht grandioser rot-grüner Umweltpolitik, sondern dem Zusammenbruch der DDR-Industrie und dem geringeren Wirtschaftswachstum.

Die schädlichen Emissionen steigen (oder sinken) parallel zur Entwicklung von Industrie und Dienstleistung. Die US-Wirtschaft ist in den anderthalb Jahrzehnten seit 1990 nominal um 115 Prozent und inflationsbereinigt um 56 Prozent gewachsen, die deutsche Wirtschaft nur um rund 25 Prozent.

Deutschland ist es nicht gelungen, mehr Wachstum (und mehr Arbeitsplätze) zu schaffen, das ist die Kehrseite des besseren Abschneidens beim Emissionsschutz. Ein Grund zum Stolz? Wie würden die Bürger entscheiden: mehr Klimaschutz oder mehr Jobs durch höheres Wachstum? Und zahlen sie gerne doppelt so viel fürs Benzin wie die Amerikaner?

Der eigentliche Unterschied zwischen dem Mehrheitsdenken in Bushs Amerika und in Deutschland erklärt sich aus den politischen Reflexen und der Kultur. Als Weltmacht diskutieren die USA die geostrategischen Folgen ihrer Energieabhängigkeit offener. Irak und Al-Qaida-Terror zeigen den Bürgern, wie verwundbar die Abhängigkeit von arabischem Öl sie macht. Dabei ist die viel geringer als die deutsche von russischem Gas und Putin’scher Diktatur.

Zweitens ist der Glaube an technische Lösungen in den USA größer. Ob Mondlandung, Satellitenkommunikation oder Umweltschutz: Wenn man die klügsten Köpfe zusammensetzt und ausreichend Geld gibt, dann gilt über kurz oder lang fast alles als machbar. Drittens denken Amerikaner anders über die Rolle des Staates: Wie viel politischen oder finanziellen Druck darf er auf seine Bürger ausüben, um sie zu einem vernünftigen Handeln zu bewegen? Wie viel Freiheit der individuellen Entscheidung muss er ihnen lassen? Eine drastische Erhöhung der Benzinsteuer oder die Einführung einer CO2-Steuer für die Industrie gelten als selbstmörderisch – mehr noch: als irgendwie illegitim.

Jeder solle selber entscheiden, ob er einen spritschluckenden Geländewagen oder ein sparsameres Auto fährt. Oder den höheren Anschaffungspreis für einen Pkw mit Hybridmotor hinlegt. Und was die Industrie betrifft: Natürlich möchte man, dass sie umweltfreundlich produziert. Doch abermals: freiwillig! Weil es sich in der Werbung auszahlt. Weil weniger Energieverbrauch die Kosten reduziert. Keine Auflagen, bitte, die Wachstum oder Jobs gefährden. So denkt die Mehrheit in den USA.

Kann Umweltpolitik, kann Klimaschutz nach diesem Muster funktionieren? Der Europäer schaut ungläubig und denkt sich: Nein. Wo wären wir ohne Umweltauflagen für die Wirtschaft und ohne Ökosteuer für die Verbraucher? Und doch hat sich auch Deutschland wiederholt beim eher amerikanischen Denken bedient und auf finanzieller Anreize gesetzt. Mit Steuererstattungen wurden die Bürger dazu gebracht, auf abgasärmere Autos umzusteigen, nicht durch Verbot der Dreckschleudern.

Mehr Freiheit, auch Freiheit zur Unvernunft, oder mehr staatliche Auflagen, die Wohlverhalten erzwingen? Die unterschiedlichen Reflexe sind beim Besuch in Pittsburgh und im nahen Kohlerevier in West Virginia unüberhörbar. Pittsburgh, früher eine Stahl- und Kohlestadt, ist heute ein Zentrum der Forschung an klimafreundlichen Techniken. Wissenschaftler und Ingenieure denken kostenbewusster als deutsche Kollegen, sagt ein Einwanderer aus dem Ruhrgebiet.

Und sie lehnen fast durch die Bank staatliche Gängelung des Konsumverhaltens der Bürger ab. Ja zu Emissionsschutz und Energiesparen, aber nur so weit es freiwillig geht oder durch Marktmechanismen, zum Beispiel steigende Preise (nicht Steuern!).

Ob in den Universitäten von Pittsburgh (Pennsylvania) und Morgantown (West Virginia) oder in den streng geschützten Versuchsanlagen des National Energy Technology Laboratory (NETL): Deutschland mag technisch weiter sein bei alternativen Energien, das geben die Fachleute schon zu. Aber sie glauben nicht daran, dass die in den nächsten 20, 30 Jahren zu einem ernst zu nehmenden Faktor im Energiemix werden. Gewiss, Öl und Gas werden immer teurer, und durch technischen Fortschritt sinkt der Preis erneuerbarer Energien, so dass sich das Preisverhältnis irgendwann umdrehen könnte. Aber heute kostet eine Kilowattstunde aus Solarenergie in den USA zehnmal so viel wie aus der billigen Kohle. Der Wind für die Windparks weht nicht verlässlich, wenn man ihn braucht. So fallen hohe Zusatzkosten für die Speicherung an oder für Ersatzkraftwerke bei Windstille. Für die Ingenieure hier bleiben vorerst heimische fossile Energieträger das Rückgrat der Stromversorgung.

Ihre Vorgabe aus dem Klimaschutzprogramm des Präsidenten: bezahlbare Technik für emissionsarme oder gar emissionsfreie Kohlekraftwerke entwickeln. Das CO2 wird herausgefiltert und unterirdisch gelagert. Sie liegen mit ihren Ergebnissen im Zeitplan, sagen sie. 2012 geht ein kommerziell einsetzbares Kraftwerk ans Netz, dessen Strom höchstens zehn Prozent teurer sein darf als mit herkömmlicher Technik.

In Deutschland forscht man in derselben Richtung, Vattenfall wird in der Lausitz aber nicht vor 2015 so weit sein. Ausgerechnet dank Bush, dem grünen Öl-Junkie, werden die „oil addicted“ USA beim treibhausgasfreien Strom wohl die Nase vorne haben.

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