Meinung : Die Kinder und die Revolution

Von Gerd Appenzeller

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Vielleicht ist in Frankreich die letzte Revolution schon zu lange her. Vielleicht dehnte sich die Zeitspanne von 1968 bis heute doch so, dass sich in der herrschenden Schicht unseres Nachbarlandes kollektive Amnesie breit machen konnte: das Verdrängen der Erinnerung daran, wie ein Volk reagiert, dem die Obrigkeit ohne lange Diskussionen Änderungen aufzwingt, die als Zumutung empfunden werden. In dieser Situation gehen die Franzosen, ob alt oder jung, ob Arbeiter oder Intellektuelle, auf die Straße und machen ihrem Zorn Luft. Das endet regelmäßig damit, dass die Regierung nachgibt, mal mehr, mal weniger. Diesmal hat die Staatsgewalt bei der geplanten Reform des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger nicht nur nachgegeben, nein, sie begab sich auf den Rückzug und verkündet nun das Gegenteil von dem, was sie eigentlich vorhatte.

Erklären kann man das nur mit einer ungebrochenen Zweiklassenmentalität. Wer zum Machtapparat der politischen Schicht gehört, gleich ob in sozialdemokratisch oder konservativ inspirierten Parteien, hat die gleichen Schulen durchlaufen, spricht die gleiche Sprache und pflegt die gleiche, unausgesprochene Geringschätzung für bestimmte demokratische Tugenden wie den permanenten Dialog mit dem Wähler. Diese Überheblichkeit erlaubt es eher, sich in einem gesetzgeberischen Vorhaben zu verrennen und den Plan notfalls wieder abzuräumen, als von Anfang an einen Kompromiss zu suchen. An das Volk wendet sich der Präsident über das Fernsehen. Der permanente direkte Kontakt des Staatsoberhauptes mit der Bevölkerung wie in Deutschland ist in Frankreich nur schwer vorstellbar. Dort hat manche monarchistische Attitüde unter dem Tarnmantel der Republik überlebt – und ein bisschen lieben die Franzosen den ganzen Pomp und das große Zeremoniell ja auch, so wie wir unsere Nachbarn im Westen immer wieder um deren Talent zur großen Geste beneiden. Zur Arroganz haben wir ohnedies keinen Grund. Noch funktionieren bei uns die politischen, sozialen und gesellschaftlichen Sicherungssysteme ganz gut. Aber Garantien dafür, dass sich nicht auch hier die Wut über Jugendarbeitslosigkeit und Chancenarmut irgendwann auf der Straße entlädt, haben wir nicht – die Kinder entdecken die Revolution, wenn sie den Glauben an die Reformfähigkeit verloren haben.

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