Meinung : Die Liebe ist an allem schuld

Warum es bald wieder weniger Scheidungen geben könnte

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Von Simone von Stosch

Über das, was besonders wichtig ist, kann man meist besonders schwer reden: über den Tod zum Beispiel, oder über die Liebe. Doch lässt sich über die neuen, eklatant hohen, Scheidungszahlen überhaupt reden, ohne zugleich über die Liebe zu sprechen? Nein, jedenfalls nicht mehr. Denn die Menschen heiraten heute nicht, weil sie müssen, sondern nur weil sie wollen – aus Liebe eben. Wo es keinen Zwang zur Zweisamkeit mehr gibt, heiraten die meisten nicht um der Kinder willen, sondern aus „Liebe pur“.

Die sozialen und wirtschaftlichen Zwänge, eine dauerhaft unglückliche Ehe aufrechtzuerhalten, existieren glücklicherweise auch kaum mehr. Das Scheidungsrecht ermöglicht die finanzielle Unabhängigkeit der Frau und macht das Leben Alleinerziehenden zumindest leichter. Wer geschieden ist, muss heute auch in den ländlicheren Regionen nicht mehr damit rechnen, ausgegrenzt zu werden. Gerade dort gehen mittlerweile – so die Statistik – viele Ehen kaputt.

Insgesamt ist die Zahl der Scheidungen absolut und prozentual erneut gestiegen. Knapp 390 000 Menschen heirateten im vergangenen Jahr, 197 500 verheiratete Paare lösten ihren Bund fürs Leben wieder auf. Jede fünfte Ehe, die vor zehn Jahren begann, existiert heute nicht mehr. Wie viel Verzweiflung, Tränen, Streit, wie viele verlorene Illusionen sich hinter diesen Zahlen verbergen, lässt sich nur erahnen.

Schuld daran ist natürlich wieder die Liebe, die zerbrochene Liebe. Die Erwartungen, Sehnsüchte und Wünsche, die sich an den Partner richten, sind dementsprechend groß, Familientherapeuten sagen, sie sind viel zu groß. Die Ehen, so meinen sie, scheitern heute vor allem an überzogenen Glückserwartungen.

Innigkeit, Verständnis, Geborgenheit, Nähe, Gleichklang der Interessen – all das, wonach sich Menschen sehnen, richtet sich immer mehr auf eine Person: den Partner. Der soll die jedem Menschen eingeborenen Ungewissheiten, Versagensängste und Einsamkeitsgefühle auffangen, das oft wenig großartige Leben glücklich machen.

Kein Wunder, wenn sich das nicht einlösen lässt. Diese hohen Glückserwartungen werden dann besonders schnell enttäuscht, wenn auch noch in anderen Bereichen die Belastungen, die Anforderungen und Wünsche gestiegen sind. Wer im Beruf für Karriere und Selbstbestätigung powert, hat abends selten noch Kraft für Gemeinsamkeit. Leider fallen in Partnerschaften oft ebenso wenig Glück und Gelingen vom Himmel wie im Beruf. Sie bedeuten Anstrengung, Arbeit.

Als häufigsten Trennungsgrund geben Männer und Frauen enttäuschte Erwartungen und unvereinbare Lebenskonzepte an. Beim nächsten Partner, dem nächsten Versuch, wird meist nicht alles anders.

Da bleiben zwei Alternativen: den Traum vom Glück zu Zweit ein für alle Mal zu begraben, und allein zu leben. Oder, und das klingt bescheiden, ist aber wahrscheinlich schwieriger: Gelassenheit zu lernen, die Glückserwartungen realistischer zu gestalten, genügsamer zu werden. Es gibt zu zweit nicht nur Verstehen, Vertrauen, Nähe, sondern auch getrennte Wege; Phasen, in denen der andere fremd ist und weit entfernt. Und es gibt auch zu zweit Einsamkeit. Mit der Erkenntnis, dass dies alles zur Partnerschaft dazu gehört, ist das schwierige Projekt der lebenslangen Bindung vielleicht eher zu schaffen. Das Wichtigste wird sein, in Durststrecken nicht aufzugeben – mit oder ohne Trauschein.

Wenn die meisten Ehen an überzogenen Erwartungen scheitern, dann dürfte sich diese Erkenntnis früher oder später auch bei denen durchsetzen, die eine dauerhafte Partnerschaft eingehen. Man würde dann weiterhin mit heißem Herzen, aber gleichzeitig mit kühlerem Kopf zusammenleben.

Die Scheidungszahlen würden dann nicht immer weiter in die Höhe schießen, sondern sich wieder verringern, wenn sich die gängigen Liebes- und Glückserwartungen verändern. Auch dafür geben die neuesten Scheidungszahlen einen Anhaltspunkt: In Berlin, der Stadt, die bei den kulturellen Entwicklungen dem Rest der Republik meist etwas voraus eilt, ging die Zahl der Scheidungen bundesweit am deutlichsten zurück: um fast zehn Prozent.

Vielleicht lässt sich in der Liebe doch noch etwas Neues lernen.

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