Meinung : Die Milchlüge

China ist an vielem schuld – nicht aber an der Erhöhung der deutschen Lebensmittelpreise

Harald Maass

In der Diskussion über die steigenden Milchpreise in Deutschland wird immer wieder China als Schuldiger genannt. Die wachsende Nachfrage aus Asien, vor allem nach Milchpulver, sorge für international steigende Preise, heißt es etwa beim deutschen Bauernverband.

Die Argumentation klingt zunächst einleuchtend. Wenn 1,3 Milliarden Chinesen jeden Tag zu ihrer Schüssel Reis einen Becher Milch trinken, dann dürften Käse und Joghurt auf dieser Welt bald knapp werden. Müssen wir uns vor Chinas Milchtrinkern fürchten? Die Angstmache ist übertrieben. Zwar ist der Milchkonsum in China, und dort vor allem in den Städten, stark gestiegen – zuletzt um zehn Prozent im Jahr. Gleichzeitig ist jedoch auch die heimische Milchproduktion gewachsen. Mit einer Gesamtherstellung von knapp 33 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr ist China der weltweit drittgrößte Milchproduzent – übertroffen nur von den USA und Indien. Bis 2010 will China die Produktion auf 40 Millionen Tonnen steigern. China ist deshalb kaum auf Milcheinfuhren angewiesen.

Im ersten Halbjahr 2006 importierte die Volksrepublik 193 000 Tonnen Milchprodukte im Wert von 312 Millionen Dollar. Das ist weniger als ein Tausendstel der Weltproduktion, gerade ein Zehntel der deutschen Exporte. Auf die Weltmarktpreise dürften solche Mengen kaum Einfluss haben.

Auch die Behauptung, dass Chinas Frauen ihre Babys am liebsten mit Milchpulver aus dem Ausland versorgen und deshalb die Nachfrage steigt, ist Unsinn. Zwei Drittel der Chinesen sind Bauern und viel zu arm, um sich importiertes Milchpulver zu kaufen. Zudem wird das meiste Milchpulver, auch das von westlichen Herstellern, im Land hergestellt. Der Schweizer Nestle-Konzern, der gerade die dritte Milchpulverfabrik in China eröffnet hat, bezieht seine Frischmilch von 40 000 Kleinbauern in der Inneren Mongolei.

Trotz der wachsenden Nachfrage ist China noch immer Milch- Entwicklungsland. Chinesen konsumieren im Durchschnitt nur 6,6 Kilo Milchprodukte im Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei 130 Kilo. Selbst in Chinas boomenden Städten, in denen Milch seit einigen Jahren als modern gilt, liegt der durchschnittliche Jahreskonsum nur bei 25 Kilo. Der Grund dafür ist die fehlende Gewohnheit. In der chinesischen Küche wird traditionell mit Tofu gekocht. Morgens trinkt man Sojamilch. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts brachten christliche Missionare die ersten Milchkühe nach China. Bis in die siebziger Jahre galt Milch als Kindergetränk, als eine Marotte der Ausländer.

Obwohl viele Chinesen keine Milch vertragen – ihnen fehlt das Enzym Lactase zum Abbau des Milchzuckers –, ist Milch heute Trendgetränk. Welche Auswirkungen das auf den Weltmarkt haben wird, weiß niemand. Möglicherweise wird die Nachfrage tatsächlich die Preise steigen lassen. Vielleicht wird China die Produktion aber auch erhöhen, so dass es selbst zum Exporteur wird. Wie wäre es mit billigem Made-in-China-Käse? Die Verbraucher in Deutschland würden sich freuen.

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