Die neuen Glaubenskriege : Schrille Töne

Von der Papst-Debatte über die Moscheebauten zum Pro-Reli-Streit: Was erklärt die Vehemenz?

Malte Lehming

Die Töne sind schrill, gereizt, unversöhnlich. Ob beim Papst und den Piusbrüdern oder beim Berliner Streit um ein Wahlpflichtfach Religion, ob beim Karikaturenstreit, neuen Moscheebauten in europäischen Städten oder der Kopftuchdebatte: Die Zwistigkeiten produzieren, trotz aller Verschiedenheit, sehr ähnliche Reflexe. Dabei erstaunt die Vehemenz vieler Beiträge oft mehr, als deren argumentative Kraft überzeugt. Ideologische Welten prallen aufeinander. Ausgerechnet im höchst säkularen Berlin und ausgerechnet in Deutschland, einem weitgehend säkularen Land, werden pro- und antireligiöse Empfindungen mit einer Intensität vorgetragen, die der Vergangenheit entlehnt zu sein scheint. Gegen die neuen Glaubenskriege wirken viele Schlachten von einst – Atom, Nachrüstung, Waldsterben, Agenda 2010, Demografie, Nahost, US-Politik – wie Scharmützel.

Natürlich gibt es Faktoren, die die Emotionen verstärken. Ohne die Anschläge vom 11. September 2001, als 19 Muslime, die sich auf Allah beriefen, 3000 Zivilisten ermordeten, würde über Moscheen und Kopftücher anders geredet, entspannter. Seit Nine-Eleven steht der Islam unter Generalverdacht und Rechtfertigungsdruck. Praktiken wie Zwangsheirat und Ehrenmorde kommen erschwerend hinzu. Ebenfalls gelassener wäre die Diskussion über die Piusbrüder, würde nicht einer von ihnen den Holocaust leugnen und Papst Benedikt XVI. ein Deutscher sein. Dennoch bleibt ein Restbestand an Virulenz, der in diesen Faktoren nicht aufgeht. Der Berliner Pro-Reli-Streit etwa wird nicht minder heftig ausgetragen als die Kölner Moscheebau-Kontroverse.

Grob vereinfachend gesagt, stehen sich zwei Lager gegenüber, von denen keines angreift, sondern sich jedes in seinem Selbstverständnis nur zur Wehr setzt gegen das jeweils andere. Auf dem Lager der Gläubigen lastet der Vorwurf, tendenziell reaktionär, moralisch dogmatisch, unaufgeklärt, wissenschaftsfeindlich und spirituell überbefriedigt zu sein. Das Lager der Nichtgläubigen fühlt sich bezichtigt, moralisch haltlos, hedonistisch, intellektualistisch, wissenschaftshörig und spirituell unbefriedigt zu sein.

Wir schreiben, wohlgemerkt, das Jahr 2009. Doch überwunden sind die Klischees von vorvorgestern mitnichten. Offenbar ansatzlos können viele historische Ressentiments jederzeit wiederbelebt werden. Die Ahnengalerie des wissenschaftlichen und intellektuellen Fortschritts etwa – Kopernikus, Kepler, Galilei, Darwin, Freud, Nietzsche – muss heute noch herhalten, um Gläubige als Abergläubige zu stigmatisieren, die den Weltenlauf als von Gott gegeben missverstehen und dabei den Ordnungsgrad von Ereignissen überschätzen.

Ansatzlos wiederbelebt wird auch die klassische Figur der Religionskritik, die sich nicht in der bloßen Bestreitung des Inhalts von Glauben manifestiert, sondern diesen aus Umständen zu erklären versucht, die materieller (Karl Marx) oder psychologischer Natur (Projektion, Kompensation) sind. Dass Glaube ein Selbstzweck ist, verstört alle Zweckrationalisten.

Global gesehen ist der Glaube die Norm, der Nichtglaube die Abweichung. Und auch diese Perspektive verstört viele Nichtgläubige, sie bestreiten sie daher oder diminuieren ihre Bedeutung. Das fremde Andere in seiner Fremdheit stehen zu lassen und zu respektieren, fällt ihnen schwer. Einigen bereitet auch ihr Unglaube Unbehagen, weil er stärker ist als ihr Vermögen zu glauben.

Paradoxerweise ist die Verteidigungswaffe der Gläubigen, die ja global betrachtet in der Mehrheit sind, das Einigeln. Wer meint, den Papst gegen Angela Merkel verteidigen zu müssen, reagiert strukturell kaum weniger gruppenspezifisch und überallergisch als Muslime in Kairo, die wegen einer Mohammed-Karikatur in einer lokalen dänischen Zeitung wutentbrannt auf die Straße gehen. Freilich: Was bei Muslimen die Pose der drohenden Masse, ist bei Christen die des „lonesome cowboy“.

Christen lieben nun mal die Rolle der verfolgten Unschuld. Sie ist in Noah bereits angelegt und wird von Jesus prototypisch verkörpert (für Protestanten kommt Martin Luther dazu): Der einzelne Aufrechte wird wegen seiner edlen Überzeugungen vom Gros des ignoranten Pöbels gehetzt und verspottet. Leider immunisiert die Einigelungs-Strategie selbst gegen berechtigte Kritik. So gleicht der Vatikan in diesen Tagen einer „gated community“, in der Gleichgesinnte und Gleichgestellte, umgeben von Mauern und überwacht von Kameras, möglichst ungestört ihr gleichgeschaltetes Leben führen wollen.

Die neuen Glaubenskriege sind auch ein Kampf der Kulturen. Plötzlich ist er da, dieser Kampf: Gott gegen Gottlosigkeit, Spiritualität gegen Vernunft, Dogma gegen Toleranz, Tradition gegen Patchwork, moralische Setzung gegen herrschaftsfreien Diskurs. Dabei suggerieren diese Fehden eine existenzielle Dimension, die andere Konflikte nicht bieten. Außerdem verheißen sie optimale Aufregung bei minimalem Engagement.

Sie gleichen daher jenen ersatzideologischen Gefechten, wie sie Arnold Gehlen bereits vor mehr als 50 Jahren in „Urmensch und Spätkultur“ prägnant prophezeite: „Die tiefste, noch nicht zu ahnende Veränderung wird, falls sie gelingt, der ewige Friede mit sich bringen. Wenn internationale Atomkriege ebenso undenkbar werden wie Bürgerkriege im Inneren der Staaten, so wird das als ein wirklich epochemachender Fortschritt zu begrüßen sein. Aber er wird bezahlt werden in einer Weise, die sich gerade eben erst anzukündigen scheint: Auch vitale, zerreißende, nach Lösung schreiende Konflikte können unlösbar werden und ausbruchlos in den Menschen weiterschwelen. Auch im Innenverhältnis der Gesellschaften kann diese Erscheinung eintreten, und sie wird eine gewaltige, noch unmessbare moralische Belastung des Einzelnen bedeuten können, eine neue, noch nicht dagewesene Form ganz tiefer Unfreiheit, mit wahrscheinlich keinen anderen Ausdrucksformen als ebenso erbitterten wie folgenlosen ideologischen Kämpfen.“

Glaubenskriege im Hamsterrad der Folgenlosigkeit. Für die Praxis von lebendiger Kirche und gelebter Integration in Berlin ist es kaum von Belang, ob Religion Wahlpflichtfach wird oder nicht. Interessant ist die Debatte dennoch. Denn viele Gegner des Begehrens entlarven sich mit ihren instinktiven Einwänden oft selbst.

Der Vergleich lohnt: In Heinersdorf wird ein Moscheebau bekämpft, in Kreuzberg eine McDonald’s-Filiale und in ganz Berlin das Wahlpflichtfach Religion. Vielleicht ist das Minarett für viele Heinersdorfer, was der Hamburger für die Wrangelstraßenspießer und die Auferstehung für die Pro-Ethiker: Symbol einer fremden Art von verderblicher Kultur, deren Machtausbreitung und Missionierungsbestrebungen im Namen der guten Kultur widerstanden werden muss.

Diese latent xenophobische Dimension der Zurückweisung aller religiösen Expressionen fußt auch in dem anarchischen Moment des Glaubens. Die Moral der Gläubigen – ob Juden, Christen, Moslems – erschöpft sich eben nicht in den Dekreten von Verfassungen oder Gesetzbüchern, sondern sie berufen sich auf eine höhere Instanz. Auf Unverständnis stößt, dass etwa ein Katholik wegen eines weltlichen Vergehens – Holocaustleugnung, Ladendiebstahl, Drogenhandel – nicht exkommuniziert werden kann. Das wird von Nichtgläubigen als falsch empfunden, als ein Verstoß gegen den zivilen Gemeinschaftssinn. Wer eine höhere Moral für sich reklamiert, provoziert schnell den Verdacht des Superioritätsdünkels.

Eine neue räumliche und kommunikative Nähe der Kombattanten verschärft ihre Aversionen. Früher gingen Gläubige und Nichtgläubige ihrer Wege, heute kreuzen sich diese Wege. In Prenzlauer Berg füllen sich Kirchen, während sich sogenannte Humanisten gerne in der „Urania“ tummeln. Als konkurrierende wertgeladene Lebensformen entwickeln sich die Lager daher ähnlich wie Ossis und Wessis nach dem Fall der Mauer. „Die sich im November 1989 unbekannterweise in den Armen lagen, liegen sich jetzt bekannterweise in den Haaren“, diagnostizierte im Mai 1991 das Kabarett „Die Distel“. Nähe erzeugt Spannung.

Das gilt auch und erst recht für den Bereich der Kommunikation. Im Internet kann jeder über alles mitreden, es erlaubt ein Höchstmaß an Partizipation. Hier kann sich niemand in ein selbst gewähltes Ghetto zurückziehen und sich abschotten. Aus der einigermaßen funktionierenden Parallelwelt von Gläubigen und Nichtgläubigen wird im Internet folglich ein Schlachtfeld. Die Globalisierung erzeugt ein Gefühl bedrohlicher Enge, weil einem die Gegenkultur immer dichter auf die Pelle rückt.

Ob im Glauben oder ohne ihn: Ungestört vom Anderen bleibt keiner mehr. Und so drückt sich in den neuen Glaubenskriegen auch die Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Ruhe aus, die allerdings stets trügerisch war. Weder Gläubigen noch Nichtgläubigen steht die Tür ins Paradies der Segregation offen. Der Kampf geht munter weiter.

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