Meinung : Die RAF, westdeutsche Linke und die DDR

Ost-Oppositionelle fanden Verachtung für die Bundesrepublik absurd Von Friedrich Schorlemmer

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Der „deutsche Herbst“ war ganz und gar ein westdeutscher Herbst. Was die RAF tat, hatte weder mit der „Roten Armee“ noch mit dem emanzipatorischen Wort ‚links’ etwas zu tun.

Die DDR-Bürger verfolgten die erschreckenden Vorgänge weithin verständnislos über Westmedien. Die feste und zugleich besonnene Haltung der Regierung Schmidt fand hierorts großen Respekt, obwohl jeder begriff, wie innerlich zerrissen jeder der Handelnden sein musste, der einerseits alles für das Leben der Geiseln tun musste, andererseits den Staat für Terroristen nicht erpressbar zu machen hatte und der darüberhinaus – trotz der fieberhaften Suche nach den Tätern - eine allgemeine Hysterisierung unter Einschränkung der verbrieften Grundrechte zu vermeiden hatte. Was aber hatte zu solch irrsinniger Konfliktverschärfung geführt?

Ich erinnere mich an heftige Auseinandersetzungen mit Linken aus der „BRD“, die dieses Wort mit ebenso viel Verachtung aussprachen wie die ideologisch geschulten Sprecher im Ostfernsehen. Ich traf auf Westdeutsche, die uns ihr Grundgesetz als FdGo nur ironisch präsentierten, ihre bürgerliche Freiheit als „repressive Toleranz“ denunzierten, aber wohl nie im „realexistierenden Sozialismus“ hätten leben wollen, die von einem (utopischen) Sozialismus schwärmten, zum Teil Mao-Bibeln mit sich trugen, in Prag Anfang August 1968 Ho-Ho-Chi Minh skandierten, denen Bangladesch und Vietnam näher waren als die CSSR Dubceks. Dass es schließlich zu einem links-sektiererischen Radikalismus, der parlamentarische Demokratie grundsätzlich verächtlich machte, gekommen war, lag wohl nicht zuletzt an verweigertem Dialog, an gegenseitiger Sprachlosigkeit, am Radikalenerlass, an Notstandsgesetzen und an Geheimdienstobservierungen, die sogar einige meiner Freunde betrafen, die lediglich früher einmal irgendeinen Kontakt zu einzelnen Verdächtigen gehabt hatten.

Plötzlich schien der BND schlimmer als die Stasi zu sein. Als ich den Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ sah, verstand ich besser, warum es zu solchen Extremen gekommen war, ohne das je billigen zu können. Mit Entsetzen hörten wir hier von der „klammheimlichen Freude“ über die Ermordung des Generalbundesanwaltes – mit der merkwürdigen Einschränkung: um der Machtfrage willen dürften Linke keine Killer sein.

Die „Macht-Frage“ stand für die Insassen der DDR stets zur Debatte. Die Offiziellen hielten sich in der Berichterstattung über die Morde, die Selbstmorde, die Täter und die verschärften Sicherheitsverwahrungen auffällig zurück. Aber an eine eindeutige Verurteilung des Terrors kann ich mich nicht erinnern. Im sogenannten internationalen Klassenkampf war der SED an einer Destabilisierung der BRD gelegen – wie umgekehrt der Westen an der Aufweichung des Ostens – und zugleich sollte die Entspannungspolitik den Status quo zementieren, um die DDR als zweiten deutschen Staat endgültig international zu etablieren.

Die kommunistische Ideologie wurde gerade in der Entspannungsphase als einzige Abgrenzungsideologie von jeglichem Westlichen, auch von dortigem linken Denken, entwickelt. Die Kaderpartei SED konnte kein Interesse an unsteuerbaren Terroristen haben. Dass die Stasi auf „unserem Territorium“ Ruheräume für Terroristen schaffen, ihnen Unterschlupf und Identitätswechsel gewähren würde, hielt wohl niemand für möglich; aber es ist kaum vorstellbar, dass westlichen Geheimdiensten dies verborgen geblieben sein kann.

Kam die DDR der BRD damit im Verborgenen zu Hilfe? Heute verbindet Ost und West die Frage, ob wir mit Rücksicht auf anhaltend tiefe Verletzungsgefühle der Opfer die Regeln des Rechtsstaates aufweichen sollten. So schwer das im Einzelnen sein mag: Auch hier muss unser Staat konsequent bleiben, wie 1977. Und wir müssen mit Unbelehrbaren leben; hier wie dort, so liberal wie möglich, so wehrhaft wie nötig.

Der Autor ist Pfarrer und Publizist und war DDR-Bürgerrechtler.

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