Meinung : Die Rettung eines Altlinken

Walter Jens wird mehr Verständnis entgegengebracht als den ehemaligen SED-Mitgliedern / Von Günter Nooke

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Derzeit findet eine bemerkenswerte Diskussion in Deutschlands Feuilletons statt. Unser Land ist ja reich gesegnet mit so genannten „moralischen Institutionen“ in Gestalt von Intellektuellen. Diese haben sich immer wieder – und zwar weit über ihre eigentliche Profession hinaus – zu Wort gemeldet. Walter Jens, immerhin von 1989 bis 1997 Präsident der Akademie der Künste in Berlin, gehört dazu als einer ihrer Bekanntesten. In einem Germanistenlexikon soll neben anderen auch der emeritierte Tübinger Rhetorikprofessor als ehemaliges Mitglied der NSDAP erscheinen und er muss jetzt erklären, wie es dazu kommen konnte.

Doch mir geht es nicht um die erstaunlichen Einlassungen von Walter Jens, er habe von seiner NSDAPRegistrierung entweder nichts gewusst, diese vergessen oder das Ganze sei ein „reiner Kartenvorgang“, obwohl er den Irrtum nicht ausschließen will, „auf einer großen Versammlung damals einen ,Generalwisch’ unterschrieben“ zu haben! Mir geht es auch nicht um die Erkenntnis, Walter Jens, Peter Wapnewski oder Walter Höllerer seien Mitglied der NSDAP gewesen. Bemerkenswert ist vielmehr die starke Neigung zur Generalabsolution in vielen deutschen Medien, wie dem Tagesspiegel, der FAZ oder der „Welt“. Ein zitierter Gutachter meinte zwar, es sei nicht möglich gewesen, „ohne eigenes Zutun Mitglied der NSDAP zu werden“. Gleichzeitig wird aber von fast allen Seiten angemerkt, man könne nicht erkennen, worin aus dem Beitritt eines 18- beziehungsweise 19-Jährigen zur NSDAP, also „minderjähriger Schüler und Abiturienten“ unter den Bedingungen einer Diktatur „ehrenrührige Momente abzuleiten wären …“

Walter Jens und Kollegen wird Verständnis entgegengebracht und man sucht gemeinsam Erklärungen für solch ein Verhalten. Das alles reicht dann im sonst so intelligenten Feuilleton bis zu der Trivialbehauptung, wenn ein Germanist Mitglied der NSDAP gewesen war, dann sage das noch nichts über seine wissenschaftliche Qualität aus. Das ist so richtig, wie es auch banal ist!

Aber die ganze Sache hat einen fahlen Beigeschmack und das ist der Punkt, der mir in der Debatte bisher vernachlässigt scheint. Und das betrifft den Vergleich mit der zweiten deutschen Diktatur und deren Rezeption in genau diesen Medien. Gewiss musste man nicht zwingend Mitglied einer der Staatsparteien werden. Das belegen viele Beispiele. Aber wer richtet eigentlich darüber, ob der Eintritt in eine solche – NSDAP oder SED – im zarten Alter von 18 oder 19 lediglich aus den Umständen der Diktatur zu erklären ist und mithin später als Jugendsünde abgetan werden kann oder ob genaueres Nachfragen angebracht wäre. Damit ich nicht missverstanden werde: Auch ich kann Verständnis aufbringen und verurteile keinen, schon gar nicht zeitlebens, weil er mit 18 oder 19 einen Fehler begangen hat. Wenn für die NSDAP-Mitglieder galt: ein Parteimitglied sei nicht immer auch ein Parteigänger gewesen, dann gilt das für die SED erst recht.

Nun wurde in unserem Land über Vergleichbarkeit oder Gleichsetzung in diesem Zusammenhang wirklich bis zur Erschöpfung philosophiert. Auf alle Fälle gleichen sich die individuellen Rückblicke auf beide Diktaturen in ihrer Mischung aus vagem Erinnern und präzisem Vergessen!

Gerade wenn einige konservative Kommentatoren jetzt einen Vorzeigelinken der alten, westdeutschen Republik meinen entschuldigen zu müssen, stellt sich die Frage, ob sie sich genauso auch für jugendliche SED-Mitglieder ins Zeug legen würden. In meiner Erinnerung war das in den letzten 13 Jahren eher selten der Fall. Vielmehr bestand in der veröffentlichten Meinung der letzten Wochen noch weitestgehend Einigkeit, dass ein 19-Jähriger, der 1989/90 fünf Monate beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ diente, nicht Geschäftsführer einer Olympia-GmbH sein könne.

Drei Fragen zum Schluss: Messen wir in dieser Republik nicht mit sehr unterschiedlicher Elle? Ist die schnelle Rechtfertigung im Fall von Walter Jens nicht vor allem der Versuch, die alte Bonner Republik zu retten? Ist der Unterschied zwischen Ost- und Westwahrnehmung im wiedervereinigten Deutschland nicht immer noch größer, als wir es uns alle wünschen?

Der Autor ist kultur- und medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Foto: Wolff

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