Meinung : Die Schicht darunter

Die Politik diskutiert über Arbeitslosigkeit und verwechselt Verwahrlosung mit Armut

Gerd Appenzeller

Franz Müntefering mag den Begriff „Unterschicht“ nicht. Es gibt bei uns keine Schichten, sagt er, sondern nur Menschen, die es schwerer hätten als andere. Wenn es das nur wäre. Menschen, die sich schwerer tun als andere, gab es tatsächlich schon immer. Denen wurde in der Schule besonders geholfen, und am Ende fand sich ein Job, der nicht so anspruchsvoll war, von dem man aber leben konnte.

Das ist aber leider seit längerem vorbei. Heute tun sich nicht nur die schwer auf dem Arbeitsmarkt, denen die Natur zwar ein friedfertiges Wesen, aber keine herausragenden geistigen Eigenschaften mitgegeben hat. Nein, es tun sich auch viele schwer, die sich eigentlich leicht tun. Der Arbeitsmarkt für gering Qualifizierte ist fast verschwunden, und mancher gut Ausgebildete steht auch auf der Straße – weil er zu alt ist, in der falschen Region lebt, oder einen veralteten Beruf gelernt hat. Alles das wissen wir seit Jahren. Aber nun hat jemand dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck vorab ein paar Details aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zugänglich gemacht, und seitdem reden wir über so etwas wie ein Unterschichtproblem.

Natürlich gibt es dieses Problem, und jeder weiß das, wenn er es nicht getreu dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern einfach leugnet. Die Unterschicht, das ist jene Schicht, die unter der Schicht beginnt, der man gerade noch angehören darf. Das sind Menschen, die am helllichten Tag, Bier trinkend, auf der Parkbank sitzen. Die ihre Wohnung vergammeln lassen, die sich nicht mehr waschen, und sich zwischendrin jene Fernsehserien reinziehen, die genau für sie gemacht worden sind, auch wenn die TV-Anstalten das heftig bestreiten würden.

Wer arbeitslos wird, läuft massiv Gefahr, in diese Schicht abzugleiten. Arbeit zu haben, ist nicht nur gleichbedeutend mit regelmäßigem Einkommen. Arbeit strukturiert auch den Tagesablauf und bewahrt schwache Charaktere vor der Lethargie. Ohne Arbeit ist der Schritt zur Verwahrlosung, zur Unterschicht, ganz klein. Deshalb sind die Kinder von Arbeitslosen auch so gefährdet. Sie erleben den gesellschaftlichen Ausnahmezustand – das beschäftigungslose Herumhängen – als Normalfall. Deswegen ist es auch so wichtig, Bildungschancen, vom Kindergarten an, völlig unabhängig vom sozialen Status der Eltern zu garantieren, zum Beispiel in Ganztagsschulen. Ein Staat, der das nicht tut, wenn er schon das Arbeitfinden nicht erleichtert, ist ein asozialer Staat.

Einen Fehler sollten aber weder Kurt Beck noch andere Politiker machen: dass sie Armsein und Unterschicht gleichsetzen. Unterschicht ist eine zivilisatorische Definition, keine soziale. Es gibt in diesem Land jede Menge arme Leute, die sich zu Recht voller Zorn verbitten würden, von irgendjemandem als „Unterschicht“ bezeichnet zu werden. Das sind Leute, die arbeiten gehen, die nicht saufen, sondern sich um ihre Kinder kümmern – und sich wünschen, dass die Politik nicht wie im Hühnerhof diskutiert, sondern die Augen aufmacht.

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