Meinung : Die USA und der Terror: Weltpolizist wider Willen

Malte Lehming

Wie stellt sich, mehr als zwei Wochen nach dem 11. September, die Lage auf beiden Seiten des Atlantiks dar? In Europa lässt sich die Stimmung etwa so ausdrücken: Der islamistische Terrorismus ist eine schlimme Sache, die auch uns bedroht, bei 7000 Toten müssen wir für den zu erwartenden Gegenschlag der Amerikaner viel Verständnis haben, ganz beseitigen allerdings werden sie das Übel ohne eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung und die Lösung des Nahostkonflikts nicht.

Irritiert, aber erleichtert, wird nun zur Kenntnis genommen, dass das große, reinigende Gewitter ausbleibt und die USA es bei einem mittelschweren Schauer, der irgendwann in den nächsten Tagen über Afghanistan niedergeht, bewenden lassen wollen. Selbst auf den Beistand der restlichen Nato-Truppen hat Washington verzichtet. Also Glück gehabt, weil haarscharf am Rande einer weltpolitischen Krise vorbeigeschrammt. Den "Krieg", wie er sich jetzt abzeichnet, mit Kontensperrungen und umfassenden Koalitionsbildungen, hätten selbst die Grünen kaum anders geplant.

Die Wahrnehmung in Amerika unterscheidet sich von der europäischen doppelt. Zum einen wird die Dimension der Gefahr noch vergrößert. Eine dramatische, endzeitlich aufgeladene Rhetorik durchzieht jede Stellungnahme. Apokalyptische Szenarien über den Einsatz von biologischen und chemischen Waffen werden ausführlich, beinahe leidenschaftlich diskutiert. Von all jenen kollektiven Nervositäten, die man sonst als "deutsche Angst" bezeichnet, sind jetzt die Amerikaner befallen. Für die Regierung Bush hat der Kampf gegen den Terrorismus deshalb alle anderen Probleme verdrängt. Er ist zum Signum dieser Epoche erklärt worden. Wie das 20. Jahrhundert geprägt war vom Sieg der Demokratien über die totalitären Staaten, so wird das neue Säkulum seinen Stempel aufgedrückt bekommen, wenn die aktuelle Geißel der Menschheit, das internationale Netzwerk des Terrorismus, nicht mehr existiert.

Zum anderen geht die Überhöhung der Gefahr fast nahtlos in einen vielleicht naiven, vielleicht notwendigen Optimismus über. Der Kampf wird lange dauern, er wird Opfer kosten, er wird unsere Geduld strapazieren, am Ende jedoch wird die "Freiheit" über das "Böse" triumphieren. Wer solche Worte als leere Demagogie abtut, täuscht sich über die Entschlossenheit Amerikas. Das Land rüstet sich tatsächlich an vielen Fronten für eine Auseinandersetzung, die Jahre dauern kann und kaum einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens unberührt lässt. Die "Soldaten" werden an Computern sitzen, Telefonate und elektronische Botschaften abhören, sie werden Menschen ausspionieren und Bankverbindungen überprüfen, sie werden Cruise Missiles und Eliteeinheiten in den hintersten Flecken des Globus schicken.

Auf Osama bin Laden und die Taliban bleibt diese Jagd nicht beschränkt. Er und die Taliban sind erst der Anfang des Unternehmens. Mit kritischem Unterton wurde den USA früher oft zu Unrecht vorgeworfen, sie gebärdeten sich als Weltpolizisten. Jetzt jedoch stimmt die Analyse. Seit dem 11. September sind die USA die neue Weltpolizei. Der Terror hat sie dazu gemacht. Die Verantwortlichen der "Operation dauerhafte Freiheit" beanspruchen, um effizient zu sein, eine Art globales Gewaltmonopol. Das fängt bei der Informationsbeschaffung an und hört bei gezielten Militäreinsätzen auf. Einen schnell ausgeführten, kräftigen Gegenschlag, selbst wenn Nato-Soldaten beteiligt gewesen wären, hätte Europas Psyche verkraftet. Weitaus schwieriger wird es sein, sich dauerhaft an den Weltpolizisten zu gewöhnen.

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