Dieter Althaus : Demut statt Übermut

Die Rückkehr von Althaus ist ein Experiment – es könnte die Politik verändern. Der Ministerpräsidenten von Thüringen schreibt, er sei sich in den vergangenen Wochen der Begrenztheit menschlichen Denkens und Handelns noch bewusster geworden.

Lorenz Maroldt

Es ist die Angelegenheit der CDU, ob sie einen wegen fahrlässiger Tötung verurteilten Reha-Patienten in Abwesenheit zum Spitzenkandidaten nominiert. Sie hat es getan, wenn auch nicht mit 100 Prozent der Stimmen wie beim vergangenen Mal, aber immerhin mit fast 95 Prozent. Und es ist die Sache des Kandidaten, wen er während seiner Genesung in der Klinik empfängt. Er hat sich für Reporter von „Bild“ entschieden.

Beide Ereignisse führen den Ministerpräsidenten von Thüringen, der mit seinem Fahrfehler auf der Skipiste das Leben einer Mutter beendete und seines an den Rand brachte, zurück in die politische Öffentlichkeit – doch die bekommt ihn zunächst nur aus zweiter Hand.

Vor der Kandidatenkür in Waltershausen verlas die Stellvertreterin des Ministerpräsidenten Dieter Althaus einen Brief von ihm an die lieben Freunde. Darin beschreibt er seine Betroffenheit über den Tod der Skifahrerin und grundsätzliche Gedanken über sein Leben und das Leben an sich; er erklärt seine Bereitschaft, dem Freistaat zu dienen und fordert alle Parteien zu Fairness im Wahlkampf auf.

In „Bild“ wird der Besuch bei Althaus in mehreren Gängen serviert. Teil 1 am Sonntag geriet zum Rührstück, ganz so, wie die Parteiregie es erhoffte. „Frisch muss er aussehen und belastbar“, so hatte der Wahlkampfmanager der CDU sich die ersten offiziellen Fotos erwünscht. Beides ist nun beglaubigt, mit der Kraft der vier Buchstaben. Althaus sieht jedenfalls nicht angestrengter aus als der Reporter, der dem Rekonvaleszenten den eigenständigen Ausstieg aus einem Geländewagen und einen kräftigen Händedruck bescheinigt.

Beides, die Kür in Abwesenheit des Kandidaten und die Kur in Anwesenheit von Reportern, suggeriert die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit einer langsamen Rückkehr in die Normalität des politischen Handelns. Die aber wird es nicht geben. Althaus selbst spricht es an: „Nach diesem tiefen Einschnitt sehe ich mein Leben in einem anderen Licht.“ Die Rückkehr von Althaus ist nicht normal, sie ist außergewöhnlich. Er wird ein anderer sein.

Was Althaus vorhat, ist ein Experiment: für ihn, der sich seiner selbst noch nicht sicher sein kann; für seine Partei, die nicht genau weiß, wen sie da hat; für die anderen Parteien, die wahlkämpfen müssen gegen einen, der auch Mitleid erregt; für die Bürger, weil neben Parteiprogrammen auch ärztliche Bulletins wichtig sind. Althaus schreibt, er sei sich in den vergangenen Wochen der Begrenztheit menschlichen Denkens und Handelns noch bewusster geworden. Demut statt Übermut – das ist als Politikmuster in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich.

Grenzerfahrungen, wie sie Althaus erlitt und erlebte, können zu einer anderen Art von Politik führen. Ob diese auch gut ist, muss sich noch zeigen. Wer einen anderen Menschen tötet, der ist – zumal wenn es ein Unfall war, eine Unachtsamkeit – noch lange und viel mit sich selbst beschäftigt. Das kann das politische Denken und Handeln auch einschränken auf eine unzumutbare Weise. Eine Chance, ein Risiko – ein Versuch. Eine öffentliche Angelegenheit.

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