Dioxin-Skandal : Wenn Fehlverhalten Folgen hat

Was wir aus dem Dioxinskandal lernen müssen: Nur durch ein effektives Überwachungssystem können Betrüger rechtzeitig entlarvt werden.

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Dass Tiere nur Dreck zu fressen bekommen, weiß bereits jedes Kind: „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“, befiehlt Aschenputtel ihren Tauben – die sauberen Linsen bekommt der Mensch, die mit Asche verschmutzten frisst das Tier. Kollektiver Unmut entzündet sich darüber nur, wenn erstens der Dreck in die menschliche Nahrung gelangt und zweitens es jemand merkt.

Dioxin ist eine besonders dreckige Sorte Dreck. Es gehört zum „dreckigen Dutzend“ – jenen zwölf gefährlichsten Chemikalien der Welt, deren Herstellung und Verwendung mit dem „Stockholmer Abkommen“ von 2004 international verboten wurden. Es gibt strenge Grenzwerte und – vergleichsweise – gründliche Kontrollen. Deshalb wird Dioxin in Lebensmitteln schnell bemerkt – jedenfalls im Vergleich zu anderen Schweinereien, die weniger bekannt oder schwieriger nachzuweisen sind. So gibt es alle paar Jahre einen neuen Dioxinskandal.

Im aktuellen Fall produzierte ein schleswig-holsteinischer Kleinbetrieb aus dioxinbelasteten „Spaltfetten“, die aus der Biodieselproduktion und dem Recycling von Frittieröl stammten, 2256 Tonnen Futterfett. Zwei Dutzend Fabriken pressten daraus rund 35 000 Tonnen Mischfutter-Pellets, die an einige hunderttausend Hühner und Schweine verfüttert wurden. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner reagierte jetzt mit einem Zehnpunkteplan. Sie will eine Zulassungspflicht für Futtermittelbetriebe einführen, die Produktionsströme von Futter und technischen Fetten trennen und mit einer verbindlichen Positivliste vorschreiben, welche Rohstoffe zu Tiernahrung verarbeitet werden dürfen.

Die Maßnahmen sind zwar grundsätzlich sinnvoll – den aktuellen Dioxinskandal hätten sie jedoch nicht verhindert. Der Betrieb in Schleswig-Holstein hat nämlich keineswegs vollkommen abwegige Chemikalien ins Futter gemischt, „Motoröl für den Salat verwendet“, wie es Politiker und Agrarlobbyisten darstellen. Biodiesel wird meist aus Rapsöl hergestellt, einem biologischen Energieträger, der eigentlich als Treibstoff viel zu schade ist. Hierbei werden zähflüssige Bestandteile des Pflanzenöls abgetrennt, weil sie die Dieselmotoren verstopfen würden. Die daraus gewonnenen Spaltfette (Raffinationsfettsäuren) werden zu Tierfutter verarbeitet.

Mit dem Verfahren, nach dem im Prinzip auch Margarine hergestellt wird, können wertvolle Pflanzenöle als Futter verwertet werden. Das ist keineswegs verboten, sondern weltweit gang und gäbe. Auf der vom Zentralausschuss der Deutschen Landwirtschaft herausgegebenen „Positivliste für Einzelfuttermittel“, die Frau Aigner künftig verbindlich machen will, sind „Raffinationsfettsäuren“ ausdrücklich aufgeführt. Seit Oktober 2009 ist zusätzlich sogar die Verwendung von tierischen Spaltfetten erlaubt – etwa aus recyceltem Frittieröl. Überdies war der schleswig-holsteinische Fetthersteller zertifiziert vom „QS-System“ der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft und wurde regelmäßig überwacht – die Anforderungen für die von Aigner geplante Zulassung hätte er auf jeden Fall erfüllt.

Das Dioxin kam offensichtlich ins Futter, weil eine nicht für die Futterherstellung deklarierte Charge Spaltfett verwendet wurde. Derartige „technische Spaltfette“ werden nicht auf Schadstoffe kontrolliert und sind häufig mit Mineralöl verunreinigt. Wenn nicht zufällig der Dioxinwert zu hoch ist, können diese billigen Industriefette unbemerkt in die Tiernahrung gemischt werden – es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der jetzt aufgeflogene Betrieb in Schleswig-Holstein der einzige Übeltäter der Branche ist. Die wichtigste Maßnahme von Aigners Plan sind deshalb verschärfte Kontrollen – doch ausgerechnet dafür sind die Länder zuständig. Im Zeitalter globaler Warenströme wäre es sinnvoll, zumindest diejenigen Hersteller unter Aufsicht des Bundes zu stellen, bei denen Fehlverhalten in der Regel landesübergreifende Folgen hat. Dazu gehören die rund 30 großen Futterwerke, welche die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Mischfutters produzieren, sowie deren Zulieferer.

Nur durch ein effektives Überwachungssystem können Betrüger rechtzeitig entlarvt werden. „Ruckedigu, Blut ist im Schuh!“ Auch diese Wahrheit kennt jedes Kind.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Foto: J. Peyer

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