Meinung : Dochin Berlin

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Von Bernd Ulrich und Christoph von Marschall

WO IST GOTT?

Berlin ist eine atheistische Stadt. Jedenfalls glaubt die Stadt das. Tatsächlich sind die Hälfte aller Berliner Anhänger einer Konfession, die meisten evangelisch; die zweitgrößte Gruppe stellen die Katholiken. Dass sich die Stadt atheistisch fühlt, mag an den Ersatzreligionen liegen, die Berlin Jahrzehnte lang dominiert haben. Auch daran, dass Berlin immer vorn sein wollte – nach dem Fall der Mauer und dem Hauptstadt-Umzug, mehr als zuvor. Und da Religion als etwas von gestern angesehen wurde, interessierte sich eine Stadt von morgen nur beiläufig dafür.

Mittlerweile hat sich beides gemildert, die Morgigkeit Berlins und die Gestrigkeit des Glaubens scheinen nicht mehr so gewiss zu sein. Dennoch hatte es paradoxe Züge, als wir vor einem Jahr in Berlin, im Tagesspiegel unsere Reihe begannen, zur Frage: Wo ist Gott? Denn die unausgesprochene Antwort lautete: In Berlin bestimmt nicht.

Ein Irrtum. Viele der Kolumnen wurden von Berlinern geschrieben und in Berlin gern gelesen. Nicht nur von Menschen, die mit Kirche zu tun haben. Es ist nicht einfach über Religion, Glauben, über Gott zu schreiben. Da fällt es leichter über Sex zu reden. Wahrscheinlich weil Gott etwas viel Intimeres ist.

Manche haben zurückgezuckt, als sie merkten, dass es nur zwei einfache Sprachwege gibt, um über Gott zu reden: die des Kindes und die des Pfarrers. Vielleicht ist Gott eher zwischen den beiden Sprachen zu finden als darin. Viele haben sich in diesen Zwischenraum begeben nach dem 11. September.

Die Tragödie war der Anlass, endlich über Gott zu schreiben. Aber eben nur ein Anlass. Die Kolumne lebt weiter. Denn Berlin ist doch keine atheistische Stadt.

Die Kolumnen des ersten Jahres liegen jetzt als Buch vor: Wo ist Er? 52 Antworten auf die Frage „Wo ist Gott?“, Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft; 6Euro 90.

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