Drogenexperiment : Tödliche Therapie

Die Tragödie von Hermsdorf ist ein Extremfall. Aber sie ist auch symptomatisch für einen weitgehend unregulierten psychotherapeutischen Markt, auf dem hunderte verschiedener Behandlungen angepriesen werden. Viele Therapeuten leben dabei von dem Mythos, dass Psychotherapie ungefährlich ist – im Gegensatz zur „bösen“ Chemie, mit der die Schulmediziner hantieren.

Hartmut Wewetzer

Es war das brutale Ende einer psychotherapeutischen Sitzung. Im Berliner Ortsteil Hermsdorf starben an diesem Sonnabend zwei Menschen, nachdem ihnen von einem Arzt gefährliche "psychoaktive" Substanzen zugeführt worden waren. Auf gut Deutsch: Drogen oder Medikamente, die einen Rauschzustand hervorrufen sollten. Viele Einzelheiten über diesen Fall sind noch nicht bekannt. Schon jetzt aber drängt sich die Frage auf, warum das Treiben des Therapeuten niemandem von denen auffiel, die für die Aufsicht zuständig sind. Haben die Verantwortlichen der Berliner Ärztekammer weggeschaut? Ist in der Kassenärztlichen Vereinigung nicht aufgefallen, dass hier ein Therapeut die Grenzen des medizinisch Zulässigen offenbar längst hinter sich gelassen hatte?

Der Berliner Mediziner praktizierte die "psycholytische" Psychotherapie. Die Anhänger dieser Behandlung glauben, dass der Drogenrausch Menschen zu tieferer Einsicht in ihr Ich verhilft und es ihnen so erleichtert, Angst und andere seelische Nöte zu überwinden. Die psycholytische Therapie ist ein Kind der 1960er Jahre, in denen Drogenpropheten wie Timothy Leary die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen mit Halluzinogenen wie LSD propagierten.

Dann wurden die "psychedelischen" Substanzen verboten, die verbliebenen "Drogentherapeuten" überwinterten. Mittlerweile gibt es wieder Interesse an der Droge als Therapeutikum. Aber wer psychisch labile Menschen, viele in einer Lebenskrise, mit bewusstseinsverändernden Wirkstoffen behandelt, macht den Bock zum Gärtner. Nicht ohne Grund wurde LSD als "psychische Atombombe" bezeichnet. Schon einen Gesunden kann es aus der Bahn werfen, wenn solche Substanzen die Pforten der Wahrnehmung öffnen und das Bewusstsein mit Reizen überfluten. Da verwundert es nicht, dass eine heilsame Wirkung der Rauschmittel nie bewiesen wurde.

Die Tragödie von Hermsdorf ist ein Extremfall. Aber sie ist auch symptomatisch für einen weitgehend unregulierten psychotherapeutischen Markt, auf dem Hunderte verschiedener Behandlungen angepriesen werden. Von wissenschaftlich Bewährtem bis zu quasireligiösen Erlösungsritualen wird hier alles geboten. Viele Therapeuten leben dabei von dem Mythos, dass Psychotherapie ungefährlich sei - im Gegensatz zur "bösen" Chemie, mit der die Schulmedizin hantiere.

Zwei Merkmale haben etliche der umstrittenen Therapieangebote mit der "Psycholyse" jedoch gemeinsam. Da ist zum einen die innige Bindung an einen Therapeuten. Er fungiert als Schamane, als Eingeweihter und Seelenführer, dem sich die Klienten auf Gedeih und Verderb anvertrauen. Und da ist ein esoterischer Grundton. Die moderne Zivilisation hat die Seele verunstaltet, verformt, verhärtet. Erst das geheime Wissen des Therapeuten lässt sie wieder gesunden.

Trotz der aktuellen Vorgänge ist es unwahrscheinlich, dass der freie Markt der Therapien nun völlig reguliert wird. Aber mehr Kontrolle, etwa bei der Zulassung und Überwachung, ist erforderlich. Viele Menschen, die sich von obskuren Heilern angesprochen fühlen, sind nicht körperlich krank. Doch sie sind mit ihrem Leben über das normale Maß hinaus unzufrieden, vielleicht einsam, depressiv oder von existenzieller Furcht geplagt. Nicht mehr an eine Kirche gebunden, suchen sie ihr Heil in fragwürdigen Psychokulten. Es ist eine wesentliche Herausforderung für eine aufgeklärte Psychotherapie, auch diese Menschen zu erreichen und ihnen zu helfen.

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