Meinung : Ein Cocktail der Werte

Die Jugend von heute ist besser als ihr Ruf

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Von Dorothee Nolte

Sie ist ungebildet (Pisa). Sie ist gewalttätig (Erfurt). Sie nimmt Ecstasy und pierct sich die Bauchnäbel. Außerdem trägt sie all die Unarten mit sich herum, die Jugendliche aus Sicht der Erwachsenen schon immer schwer erträglich gemacht haben (alberne Klamotten, affige Idole, falsche Haartracht, respektloses Verhalten, oberflächliche Denkungsart). Kurz: Die Jugend von heute hat wie alle jungen Generationen vor ihr einen schlechten Ruf. Doch nun sagt uns die Wissenschaft: Sie hat ihn zu Unrecht! Gegen diese Jugend von heute lässt sich eigentlich nichts einwenden.

Sie ist leistungsbereit und optimistisch, so die Autoren der gestern vorgestellten 14. Shell-Studie, aber gleichzeitig auch familienorientiert, treu, an Selbstverwirklichung interessiert und genussfreudig: ein „Werte-Cocktail", der dieser Jugend offensichtlich schmeckt – auch wenn manche Erwachsene denken, man könne nur entweder das eine oder das andere sein, nicht aber alles gleichzeitig.

Vor allem die jungen Frauen geben zu Hoffnung Anlass: Sie investieren in Ausbildung und Beruf, verlassen sich nicht auf einen künftigen männlichen Ernährer, zeigen Ehrgeiz und wünschen sich ganz selbstverständlich Kinder. Zwar steht zu befürchten, dass die in diesem Punkt rückständige deutsche Gesellschaft es auch ihnen schwer machen wird, beides zu vereinbaren. Andererseits: An einer so einhellig geäußerten Lebensplanung kommt die Politik auf Dauer nicht vorbei – auch diejenigen nicht, die im n einer angeblichen Wahlfreiheit den Frauen Prämien fürs Zuhausebleiben zahlen wollen, statt Betreuungsplätze zu garantieren. Diese „Freiheit“, die Männer ja nie hatten, wird offenbar auch von den jungen Frauen nicht gewünscht.

Idealisten und Materialisten

Man kann der Jugend von heute noch nicht einmal den Stempel aufdrücken, den die 68er gerne allen folgenden Jugendgenerationen aufdrückten: Sie sei zu brav, zu duckmäuserisch, zu materialistisch. Denn ein großer Teil der Jugend – diejenigen, die die Forscher „pragmatische Idealisten" nennen, teilweise auch die „selbstbewussten Macher" – ist durchaus bereit, sich für Zwecke jenseits des persönlichen Wohlbefindens zu engagieren. Nur eben nicht in herkömmlichen Parteien; außerdem soll es ihnen auch persönlich etwas bringen. Ist das verwerflich?

Die traditionelle Politik ist den meisten Jugendlichen fern, ein Trend, der schon in den Shell-Studien von 1997 und 2000 deutlich wurde. Darüber kann man lamentieren. Man kann sich aber auch freuen, dass viele Jugendliche in ihrem näheren gesellschaftlichen Umfeld aktiv werden.

Natürlich gibt es auch die anderen, die ins rosige Bild nicht passen. Unter ihnen – die Autoren der Shell-Studie nennen sie „robuste Materialisten" und „zögerliche Unauffällige" – sind viele junge Ausländer und Deutsche aus schwachen sozialen Verhältnissen. Diese Jugendlichen werden leicht zu „Verlierern" und reagieren darauf mit Aggression oder Apathie. Sie zu integrieren wird eine der größten Herausforderungen der Zukunft sein.

Nach Erfurt konnte man bisweilen lesen, es sei niemals schwerer gewesen als heute, jung zu sein: in einer Zeit der Reizüberflutung, der unsicheren Werte, der Gewaltvideos, der zerbrochenen Familien. Aber war es denn, erstens, je leicht, erwachsen zu werden? In dieser Lebensphase wirken soziale Zwänge, egal ob sie von ideologischen Gruppen oder Markenproduzenten ausgehen, besonders stark, und sie treffen auf Individuen, die noch kaum Widerstandskräfte ausgebildet haben.

Zweitens ist eine Jugend in Deutschland heute – trotz Lehrstellenmangels und Gewaltvideos – ein Kinderspiel, wenn man sie mit den Belastungen vergleicht, denen junge Menschen in vielen anderen Ländern ausgesetzt sind.Die Jugendlichen, wie sie uns die Shell-Studie vorführt, neigen auch nicht zum Selbstmitleid. Sie sind sich der Risiken in einer globalisierten Welt bewusst. Aber zumindest die „Macher" und die „Idealisten" sehen positiv in die Zukunft und scheinen dafür gut gerüstet. Schade eigentlich! Wir Erwachsene hätten doch so gerne über sie geschimpft.

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