Meinung : „Ein großer Schatz, …

Thomas Roser

… der der Nachwelt erhalten werden muss.“

Fast zwei Drittel seines Lebens verrichtete der Kirchenmann bei seinem langjährigen Chef treue Dienste. Von dem Krakauer Kardinal Karol Wojtyla wurde der im südpolnischen Raba Wyzna geborene Stanislaw Dziwisz 1963 zum Priester geweiht, drei Jahre später gar zu seinem Privatsekretär gekürt. Als sein Dienstherr 1978 zum Papst berufen wurde, folgte der Mann aus dem Karpatenvorland Johannes Paul II. nach Rom. Mehr als 27 Jahre blieb der päpstliche Sekretär im Schatten seines Schutzherrn die unauffällige, etwas verdrießlich dreinblickende Eminenz im Hintergrund. Der Tod des Papstes hat seinem loyalen Mitarbeiter nun ungewollt den erwarteten Karrieresprung und die Ernennung zum neuen Erzbischof von Krakau beschert. Gestern empfing ihn Papst Benedikt XVI. zur Audienz; bei dem Gespräch der beiden dürfte es allerdings nicht nur um die neue Aufgabe für den 66-Jährigen gegangen sein.

Denn nicht nur den Geist des verstorbenen Papstes, sondern auch dessen Nachlass haben den frisch gebackenen Erzbischof bei seiner Reise in die Heimat begleitet. Die Schriftstücke seien ein „großer Schatz, der für die Nachwelt erhalten bleiben muss“, erklärt der Kirchenmann, warum er offenbar gegen den Willen des Verstorbenen das „große Erbe“ der Papstnotizen nicht vernichtet habe. Alle Materialien müssten gründlich geordnet und untersucht werden, sagt der Testamentshüter: Die Aufzeichnungen spiegelten den vielfältigen Charakter des Papstes wider – und könnten von Nutzen für seine Seligsprechung sein.

In seinem neuen Amt will sich der Nachfolger des aus Altersgründen abtretenden Kardinals Franziszek Macharski jedoch nicht nur der Archivierung des Papstnachlasses widmen. Im Dienste der Wissenschaft will der Eisenbahnersohn auch seine eigenen Aufzeichnungen aus der Zeit in Rom durchforsten. Polens Historiker sind gespannt, ob die erzbischöflichen Archivar-Anstrengungen Hinweise auf den Bestattungswunsch von Karol Wojtyla liefern: Hartnäckig halten sich in an der Weichsel die Gerüchte, dass der Papst eigentlich in heimischer Erde begraben werden wollte.

Krakau sei näher als Rom, freut sich Jan Dziwisz auf ein häufigeres Wiedersehen mit seinem Bruder. Bei seinen Landsleuten genießt dieser als Papstvertrauter ohnehin einen großen Vertrauensvorschuss. Es sei der Wille von Johannes Paul, dass Dziwisz der neue Oberhirte in Krakau werde, vertraute Vorgänger Macharski den heimischen Medien an. Wie viel Zeit dem neuen Erzbischof die selbst gesteckte Archivar-Mission für seine Schützlinge lässt, muss sich noch weisen: Erfahrungen mit der Seelsorge konnte der eher schweigsame Kirchenmann immerhin schon bei seiner Arbeit als Kaplan vor vier Jahrzehnten sammeln.

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