Meinung : Ein Messer als Biowaffe

Die Aids-Gefahr für die Opfer des Messerstechers ist gering

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Alexander S. Kekulé Nach dem Anschlag kam die Angst. Keiner der 36 Menschen, die nach der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs von einem Messerstecher verletzt wurden, schwebt mehr in Lebensgefahr. Doch weil eines der ersten Opfer mit dem Aids-Virus HIV infiziert war, quält die anderen nun die Furcht vor der tödlichen Seuche. Das Virus verwandelte ein Butterflymesser in eine biologische Waffe und warf sogar Fragen nach der Sicherheit bei der Fußball-WM auf.

Tatsächlich ist das Risiko, auf diesem Wege durch HIV infiziert zu werden, äußerst gering. Zwar kann das Virus in frischen Blutresten auf einem Messer mehrere Stunden überleben. Doch wird bei einem Messerstich, zumal durch die Kleidung, der größte Teil des Blutes abgestreift. Wenn das Opfer dann auch noch selbst blutet, spült es einen Teil der Viren gleich wieder heraus, den Rest besorgt die Immunabwehr. Deshalb sind die dokumentierten Aids-Infektionen durch Messerstiche Raritäten – selbst in den Großstädten der USA, wo es mehr Messerstechereien und mehr HIV-Infizierte gibt als hierzulande. Auch im Krankenhausbereich, wo fast täglich Verletzungen mit potenziell infektiösen Instrumenten vorkommen, sind HIV-Infektionen sehr selten. Ausnahmen bestätigen die Regel: Etwa das Missgeschick einer Krankenschwester, die mit einer voll mit Blut eines Aids-Patienten aufgezogenen Spritze stolperte, in die Nadel stürzte und so unglücklich fiel, dass sie den Kolben der Spritze bis zum Anschlag durchdrückte.

Das Infektionsrisiko hängt zudem stark davon ab, wie hoch die Viruskonzentration im Blut des zuerst Gestochenen war. Da die meisten HIV-Patienten virushemmende Medikamente nehmen, ist ihre „Viruslast“ sehr gering. Bei dem HIV-Positiven, der am Lehrter Bahnhof zuerst verletzt wurde, ist das dem Vernehmen nach der Fall. Um das geringe Risiko weiter zu reduzieren, bekommen die Betroffenen für einige Wochen virushemmende Mittel verabreicht. Es darf also mit gutem Grund gehofft werden, dass der „Bio-Anschlag“ von Berlin erfolglos war.

Beim Blick auf den ganzen Globus jedoch ist Aids nach wie vor eines der größten Probleme des Jahrhunderts. Der neueste Jahresbericht der Vereinten Nationen zur Aids-Pandemie, der gestern vorgestellt wurde, unterscheidet sich in der Kurzfassung nicht von seinen Vorgängern: Die Seuche ist nach wie vor außer Kontrolle, die weltweiten Fallzahlen steigen unaufhaltsam an. Allerdings beweisen erste Erfolge in afrikanischen Ländern wie Kenia und Simbabwe sowie in einzelnen Regionen der Karibik, dass das Virus durch Aufklärung und Kondome eingedämmt werden kann, auch in der Dritten Welt. Auch für die Aids-Therapie mit den neuen antiviralen Medikamenten wurde längst bewiesen, dass sie in Entwicklungsländern funktioniert.

Die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche liegen also auf der Hand, sie müssen nur noch finanziert und umgesetzt werden. Damit das passiert, müssen wir dem Aids-Virus auch dann unsere Aufmerksamkeit widmen, wenn es gerade nicht für Schlagzeilen im Zusammenhang mit Großveranstaltungen sorgt. Hiermit soll bitte nichts gegen Fußball gesagt werden – immerhin hat sich Michael Ballack gerade bereit erklärt, als Sonderrepräsentant für das UN-Aids-Programm zu werben. Es gibt also viele gute Gründe, für die deutsche Elf zu fiebern.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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