Meinung : Ein Preis für Greise

Ursprünglich sollte er jungen Wissenschaftlern das Forschen ermöglichen. Inzwischen ist der Nobelpreis zur Altersolympiade geworden / Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

Nobelpreise in Zeiten von Forschungsbetrug und Ethikdebatten zu vergeben, ist keine leichte Sache. Das schwedische Komitee hat deshalb auch in diesem Jahr drei todsichere Kandidaten ausgewählt: Das Durchschnittsalter der Preisträger für Medizin/Physiologie beträgt 60 Jahre – passend zum üblichen Stockholmer Steckbrief: „Sechzig, männlich, weiß und möglichst in den USA lebend“.

Die Vorliebe der königlichen Akademie für ältere, von den Politbüros der Forscherwelt bereits lange vorher auf den Schild gehobene Wissenschaftler hat gute Gründe. Da gab es zum Beispiel den dänischen Arzt Johannes Fibiger, der 1913 den Nobelpreis für seine angebliche Entdeckung erhielt, dass Krebs durch einen Wurm übertragen wird. Die absurde, später widerlegte Wurm-Hypothese ging als formidable Blamage in die Geschichte des ehrwürdigen Preises ein.

Dann war da der – zwar verdiente – Nobelpreis für Otto Hahn, der ausgerechnet im Jahre 1944 für die Entdeckung der Kernspaltung verliehen wurde – also kurz vor den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Davon abgesehen hatte einige der wichtigsten Experimente seine Mitarbeiterin Lise Meitner gemacht, die wegen ihrer jüdischen Abstammung aus Deutschland geflohen war und beim Nobelpreis leer ausging.

Eigentlich wollte Alfred Nobel mit seinem Vermächtnis jungen Wissenschaftlern eine lebenslange Forschung ohne Geldnöte ermöglichen. Doch aus Angst vor wissenschaftlichen Fehlern und politischen Pannen setzt das Stockholmer Komitee häufig auf Abwarten: Francis Rous, der tatsächlich ein Krebs auslösendes Virus entdeckt hatte, musste 55 Jahre warten, bis ihm mit 87 doch noch die Ehrung zuteil wurde. Ein halbes Jahrhundert warten musste auch Pjotr Kapica, der erst mit 85 Jahren ausgezeichnete Entdecker der Supraleitung. Bei einigen preiswürdigen Kandidaten, etwa Mahatma Gandhi, James Joyce oder dem DNS-Mitentdecker Erwin Chargaff, kam der Tod dem Komitee zuvor.

Deshalb ging am Montag ein Aufatmen durch die Forschergemeinde, als bekannt wurde, dass Sydney Brenner mit 75 Jahren die längst überfällige Auszeichnung endlich bekommt. Die entscheidende Idee war Brenner bereits im Jahre 1963 gekommen: Er schlug vor, den Fadenwurm Caenorhabditis elegans als Modellsystem für die Entwicklungsgenetik zu verwenden. Der einen Millimeter winzige Erdbewohner ist als Forschungsobjekt ideal, weil er erstens durchsichtig ist und zweitens jedes ausgewachsene Exemplar aus exakt 959 Zellen besteht. Dadurch kann die Entwicklung der einzelnen Zellen unter dem Mikroskop beobachtet und genetisch untersucht werden.

Dass der geniale Pionier der Molekulargenetik beim Nobelpreiskomitee nicht in Vergessenheit geriet, verdankt er seinen Schülern John Sulston (60) und Robert Horvitz (55): Sie haben die gemeinsam in Cambridge begonnenen Arbeiten in ihren Laboren am Massachusetts Institute of Technology (USA) und beim Wellcome Trust (Großbritannien) fortgesetzt. Für die Erkenntnisse zur Organentwicklung und zum programmierten Selbstmord der Zellen wurde das Trio mit dem Nobelpreis geehrt.

Arbeitsgruppen wie die von Sydney Brenner werden jedoch mehr und mehr zu Ausnahmeerscheinungen. An den meisten herausragenden Forschungsergebnissen sind weit mehr als die zulässigen maximal drei Preisträger beteiligt. Bei dem an Prestige alles überragenden Nobelpreis gilt jedoch: „the winner takes it all“.

Manchmal führt die Angst vor Betrug und politischer Verstimmung sogar dazu, dass herausragende Leistungen überhaupt nicht honoriert werden: Das Aids-Virus wurde von dem US-Forscher Robert Gallo „entdeckt“, nachdem er – angeblich aus Versehen – eine von seinem französischen Kontrahenten Luc Montagnier übersandte Virusprobe in die eigenen Reagenzgefäße gemogelt hatte. Beide warten seit knapp 20 Jahren vergebens auf den Nobelpreis.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg. Foto: J. Peyer

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