Ein Zwischenruf zu den … : … Eltern

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Eltern sind schwach und unsicher. Sie machen alles falsch. Sind sie arm, alleinerziehend oder beides nehmen sie den Staat aus und vernachlässigen Dennis und Emily trotzdem. Sind sie vorstadtverheiratet, legen sie ihre ganze Hoffnung Charlotte-Sophie Maria und Maximilian-Alexander Heinrich zu Füßen. Die Ignoranten und Neureichen machen aus ihrer kleinen Gisèle ein rosafarbenes Geschöpf, dem man auf keinen Fall im Schuhgeschäft über den Weg laufen will. Die Ehrgeizigen überlassen Leon und Lena dagegen einer Kinderfrau und dem Au-pair und machen am meisten falsch von allen.

Eltern sind defizitäre Geschöpfe, unabhängig von Bildung, Wohlstand und Beruf. So viel ist schon einmal klar. Viele von ihnen erfüllen nicht einmal den Mindeststandard: ihrem Nachwuchs eine ordentliche Erziehung mit auf den Weg zu geben. Da muss die Allgemeinheit ran, um all das Elend auszugleichen. Ganztagsschulen, Vollzeitbetreuung, Therapie, Ratgeber und Entwicklungskontrollen sind die Waffen der Gesellschaft, um Kinder so lange wie möglich von ihren Erzeugern fernzuhalten. Zu ihrem Besten, nur zu ihrem Besten.

Die Berliner Autorin Gerlinde Unverzagt hat sich mit ihrem Buch „Eltern an die Macht“ jetzt an die Spitze der Gegenbewegung gesetzt. Kinder sind robuster, als man denkt und Eltern sind besser als ihr Ruf, schreibt sie. Sie hat recht. Man muss nicht alles unterschreiben, was in diesem Buch steht. Die Annahme, dass die anderen es besser können, ist spätestens seit den Missbrauchsskandalen in Internaten ohnehin schwer erschüttert. Wenn gerade diejenigen so eklatant versagen, leugnen und vertuschen, denen Kinder und Eltern vertraut haben, ist es an der Zeit, sich selbstbewusst auf das zu besinnen, was eine Familie ist und was sie kann. Mit all ihren Fehlern, Unzulänglichkeiten und Versäumnissen.

Die meisten Eltern sind ihrer Verantwortung gewachsen. Ein Gedanke, der nicht nur Pädagogen, Erziehern und Therapeuten fremd sein mag. Auch Eltern müssen sich vermutlich erst an ihn gewöhnen. In Normalfamilien sind es ja nicht die Pädagogen, die den Fuß in die Tür stellen, wenn Eltern alleine zurechtkommen. Es sind doch eher die verunsicherten Eltern, die die Wartezimmer und Erziehungskurse stürmen. Wenn sich der Staat hier konsequent zurücknehmen würde, hätten die Jugendämter, die Lehrer und die Experten hier vielleicht auch Zeit und Sensibilität übrig, da einzugreifen, wo es nötig ist. Und zwar rechtzeitig.

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