Ein Zwischenruf zu den … : … Ichs

Ursula Weidenfeld

Ich durften sie nie sagen. Wer heute über 40 ist und noch keine 60, der hat das „wir“, das Team, die Gruppe von Kindesbeinen an so verinnerlicht, dass nur wenig Platz für ein frisches, selbstbewusstes „Ich“ blieb. Zuerst die Erfahrung im Pulk der Babyboomer aufzuwachsen. Dann die Kindergarten- und Schulgruppen, in denen in guter siebziger- und achtziger-Jahre-Manier die Gruppe alles, das Ich nichts war. Universitäten und Arbeitswelt – hier wurde aus der Gruppe das Team, Individualismus war immer noch verboten. Erst jetzt, wo das Alter naht, das Wir zerfällt in Gesunde und Kranke, in Kinderlose, Eltern und Großeltern, in Gutverdiener und Arbeitslose, da fehlt es auf einmal: das Ich. Man will eben nicht im Pulk abtreten, nein, nun soll das bisherige Gruppendurchschnittsleben bitte doch ein bisschen bemerkter sein.

Wenn das Ich aber von einer geburtenstarken Generation kollektiv entdeckt wird, dann wird es eng: Warum ich nicht wähle. Wie ich ein Konservativer wurde. Was ich immer noch gut an den Linken finde. Wie ich Krebs bekam. Warum ich meine Mutter vermisse, die an Krebs gestorben ist. Ich wurde Vater. Ich bin Mutter. Ich interessiere mich nicht für Politik.

Das Auftauchen aus dem Team, es ist Erleichterung und Bürde zugleich. Vor allem aber ist es anmaßend. Denn das Ich der Älteren, es ist doch kein echtes Ich. Es ist zu alt, um mit der Unbefangenheit und der Kaltschnäuzigkeit der Jungen Originalität zu beanspruchen. Und es ist zu jung, um die Einzigartigkeit bewiesen zu haben. So hantiert eine ganze Generation mit einem belanglosen und allgemeinen Ich. Es wird benutzt, um sich endlich einmal aus der Masse heraus- und über sie hinwegzuheben. Doch wozu? Um durchschnittliche Erfahrungen, allgemeine Wandlungen und verbreitete Schicksalsschläge wie verspätete Elternschaft breitzulatschen. Diese Ichs erfinden nichts, sie leisten nichts Außergewöhnliches. Sie speisen sich allein aus dem Bewusstsein, dass da draußen noch viele andere Ichs sein müssen, die womöglich auch so denken, fühlen, leiden. Und dann wird es ganz schnell wieder warm und gemütlich, und man fühlt sich ganz individuell aufgehoben und respektiert in der Gruppe. Und dann? Dann sind Tausende kleine und große Ichs zusammen und bilden wieder ein vorsichtiges Wir. Wie schön, dass wir darüber gesprochen haben.

Aber warum muss ich vorher all diese furchtbaren Bücher lesen?

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