Ein Zwischenruf zur … : Jugendhilfe

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Lässt sich Benachteiligung ausgleichen? 60 Jahre Demokratie in Deutschland haben nicht dazu geführt, dass jeder mit denselben Fähigkeiten dieselben Chancen hat. Kinder von Hauptschülereltern bekommen bei gleichen Leistungen nicht einmal dieselbe Schulnote wie Akademikerkinder. Eine offene Gesellschaft ist Deutschland nicht geworden, obwohl hier ein enormer Aufwand betrieben wird, um Benachteiligung auszugleichen, Fehlentwicklungen zu verhindern, und Vernachlässigung vorzubeugen.

Doch die Arbeit bleibt ohne Wirkung: Niemals hat der Staat überforderten Eltern so oft das Sorgerecht entzogen wie im vergangenen Jahr, noch immer liegt die Zahl der Kinder, die in ein Heim eingewiesen werden müssen, auf erschreckend hohem Niveau – trotz der enormen Ausgaben für Vorsorge und Familienhilfe. Noch nie waren Grundschulkinder so dick wie heute, selten haben sie sich weniger bewegt, obwohl jeder weiß (oder lernen kann), dass Kinder Bewegung und gesundes Essen brauchen. Es werden keineswegs weniger Kinder misshandelt, vernachlässigt oder totgeprügelt.

Deshalb sind auch alle Kalkulationen falsch, wonach die vorbeugende Gesellschaft ein gutes Geschäft sei. Wer vorrechnet, wie viel Geld Krankenkassen, Gefängnisbetreiber oder die Polizei durch präventive Maßnahmen sparen können, mag zwar theoretisch recht haben. Aber der erhoffte Nutzen für die Allgemeinheit in der Wirklichkeit bleibt aus.

Wofür braucht man also die ganze Präventionsmaschine? Müssen wohlhabende Eltern wirklich kostenlose Angebote zur Erziehungshilfe bekommen? Brauchen Kinder aus gutem Haus, die sich langsamer entwickeln als ihre Altersgenossen, Gratis-Manndeckung vom Jugendamt? Für die Widrigkeiten des Erziehungsalltags in Mittelschichtfamilien verwandelt sich der Staat zur Supernanny. Die anderen profitieren nicht oder nur unzureichend.

Die Antwort der Jugendhelfer ist vergleichsweise schlicht: Wenn unsere Maßnahmen nicht helfen, liegt es daran, dass wir zu wenig davon haben. Damit darf sich eine Gesellschaft nicht zufriedengeben, der tatsächlich daran liegt, Chancengerechtigkeit herzustellen. Wirksam sind vor allem Initiativen in Stadtteilen und Wohnbezirken, die von Betroffenen mitgegründet und getragen werden. Sie besser zu unterstützen und zu stärken, wäre vermutlich der richtige Weg. Hoch wäre allerdings der politische Preis: Mittelschichtsozialarbeiter und Mittelschichteltern – Menschen, die gern und oft zur Wahl gehen – müssten ihn bezahlen.

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