Meinung : Eine Bewerbung wird Geschichte

Schatten der Vergangenheit: Leipzig wiederholt die Fehler der Berliner Olympiagesellschaft

Lorenz Maroldt

Den Mitgliedern des Internationalen OIympischen Komitees war es meistens egal, was die Leute in den Bewerberstädten, die um ihre Stimmen betteln und Geschenke bringen, politisch treiben, schon gar, was sie trieben. Sport ist Sport und fertig los, dafür stand an der Spitze des IOC vor allem der Faschistenfreund Juan Antonio Samaranch, der sich im Kreis der lieben Sportsfreunde durchaus nicht einsam fühlten musste. Soll man Diktaturen etwa verbieten, sich sportlich zu betätigen? Na bitte. Es haben doch auch vor vielen Jahren etliche IOC-Mitglieder aus afrikanischen Ländern in Leipzig erfolgreich studiert, mit freundlicher Unterstützung der DDR, der Deutschen Doping-Republik.

So gesehen könnte es den Leipziger Olympiakameraden egal sein, dass ihr Laden eine Art Stasi-Nachfolgeorganisation ist. Bei einem führenden Funktionär und Förderer nach dem anderen wird als früherer Arbeitgeber ein gewisser Mielke bekannt. Dumm gelaufen, die ersten sind schon zurückgetreten; Dirk Thärichen, Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft, will dagegen andere für dumm verkaufen. Thärichen trat noch im Herbst 1989 seinen Dienst im berüchtigten Wachregiment Feliks Dzierzynski an. Heute sagt er, das sei keine Stasitätigkeit gewesen. Halb so schlimm? Nein, doppelt so schlimm.

Im Herbst 1989, wir erinnern uns, gingen in Leipzig tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Unterdrückung zu demonstrieren. Mutige Menschen. Ihnen gegenüber standen Uniformträger; manche die Hosen gestrichen voll, andere mit dem Ohr am Funkgerät, um ja nicht den Sturmbefehl zu verpassen. Die DDR war voller möglicher Plätze des himmlischen Friedens. Stattdessen gab es eine friedliche Revolution, trotz Wachregiments und treuer Mielke-Vasallen.

Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee spielt nicht nur gut Gitarre und Cello, sondern auch mit Gefühlen. Die Erinnerung an jene friedliche, sportlich gesehen könnte man sogar sagen: faire Revolution soll der Leipziger Bewerbung Schwung geben. Die Geschichte soll leisten, was die Gegenwart nicht vermag. Das erinnert fatal an eine andere deutsche Bewerbung: die von Berlin. Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 23. September 1993, endete der olympische Traum für die Berliner Höher-schneller-weiter-Gemeinschaft in Monte Carlo mit einem Frustbesäufnis an der Hotelbar. Mit ein paar Mitleidsstimmen fuhr man nach Hause.

Zurück lagen Monate voller irrationaler Hoffnungen und unsäglicher Peinlichkeiten. Die Welt sollte nicht anders können, als angerührt und ergeben den Fall der Berliner Mauer mit den Olympischen Spielen zu belohnen. Das vorzubereiten, lud die hiesige Olympiagesellschaft die IOC–Mitglieder zu einer Fackelfeier ins Pergamonmuseum ein. Eine Taktlosigkeit, um es freundlich zu sagen. Hier hatten 1936 schon die Nazis ihre Olympischen Spiele zelebriert. Seitdem lag Hitlers Schatten auf Berlin 2000. Die deutsche Geschichte, das konnten Sportfunktionäre lernen, ist ein gefährliches Argument. In Leipzig zeigt sich das wieder.

Auch jedes Absperrgitter hat zwei Seiten. In der DDR war die eine davon ganz besonders hässlich. Dem IOC mag das egal sein. Aber wenn die Leipziger Olympioniken daraus die falschen Schlüsse ziehen, werden sie in Deutschland alleine bleiben. Das wird dem IOC nicht gefallen.

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