Meinung : „Eine Geste, in der sich etwas lichtet“

Andreas Schäfer

Wie jeder gute Dramaturg beherrscht Thomas Oberender – demnächst verantwortlich für das Schauspiel bei den Salzburger Festspielen, bald möglicherweise aber Intendant am Deutschen Theater in Berlin – vor allem eines: die Kunst, sich blass zu machen. Dabei ist der 1966 in Jena geborene Oberender, zur Zeit in Zürich, auch Autor, strebt also ins Licht der Öffentlichkeit. Er hat knapp ein Dutzend Stücke verfasst und Kritiken und theaterpolitische Schriften veröffentlicht. Nur in der breiten Öffentlichkeit ist er damit nie gelandet.

Was nicht nur am sympathisch altmodischen Duktus seiner eher unspektakulären Stücke liegt, die von märchenhaften Traumwelten oder geistig obdachlosen Mittdreißigern handeln, sondern vor allem an der Art seiner Einwürfe. Wenn Thomas Oberender an die Rampe tritt, dann als Verteidiger von Konzentration, Langsamkeit, Ernsthaftigkeit. Oberender ist gewissermaßen das Sprachrohr der Stille. Sexy ist das nicht, aber es ermöglicht das, worauf es ankommt: „Eine Geste, in der sich etwas lichtet“, wie ein Aufsatz von ihm heißt.

Das Konzept für die Intendanz des Deutschen Theaters, das ihm vor zwei Jahren das Wohlwollen der Findungskommission brachte, spricht demzufolge auch eine klare Sprache des Rückzugs: Begriffe wie „Reserve“, „Distanz“, „Achtung vor dem Werk“ kommen gleich mehrmals vor. Blass zwar, aber immer unersetzlicher. Denn „Wir“ ist ein anderes zentrales Wort in dem Papier. Kaum jemand ist so gut vernetzt wie Oberender, der an der Versöhnung des scheinbar Unvereinbaren schon während des Studiums gearbeitet hat: Neben Theaterwissenschaften an der Humboldt- Uni (Ost) studierte er „Szenisches Schreiben“ an der Hochschule der Künste (West), arbeitete als Dozent, bevor er 2000 als Dramaturg ans Bochumer Schauspiel ging und mit Matthias Hartmann das Haus auf Vordermann brachte.

Sollte Oberender tatsächlich Wilms’ Nachfolger werden, schlösse sich auch ein biografischer Kreis der Genugtuung: In Berlin gründete Oberender mit anderen Autoren Mitte der 90er Jahre das „Theater neuen Typs“, das sich vor allem um enge Zusammenarbeit zwischen Autoren und Regisseuren bemühte. Die Vereinigung war aus Frustration darüber entstanden, dass Autoren von den Theatern nur zu den Premieren geladen werden und ansonsten vor verschlossenen Türen stehen. Nun öffnet sich ihm möglicherweise die wichtigste Theatertür der Stadt.

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