Meinung : Eine Schuld wird beschworen

„Deutsche, hört auf mit euren

Schuldgefühlen! „ vom 21. Dezember

Zu diesem Artikel von Patricia Khoder, der mir sehr aus dem Herzen gesprochen hat, eine Anmerkung: Das von der Autorin identifizierte Überlegenheitsgefühl der Deutschen zeigt sich, gewollt oder ungewollt, sogar in der spezifisch deutschen Art der Vergangenheitsbewältigung. Mit der Fixierung auf die deutsche Schuld und der reflexartigen Ausblendung des eigenen Leids, allen voran der Vertreibung von zwölf Millionen Landsleuten (der US-Historiker R. M. Douglas bezeichnet diese „größte Zwangsumsiedlung der Menschheitsgeschichte“ als einen der „größten Fälle von Menschenrechtsverletzungen in der modernen Geschichte“), und der damit einhergehenden – einseitigen – Erinnerungskultur, versucht die Nation mit der ihr eigenen Gründlichkeit der Welt zu beweisen, dass sie selbst auf diesem Gebiet die größte ist. Zur Genugtuung der

östlichen Nachbarstaaten, die weiter

uneingeschränkt die Opferrolle einnehmen können. Die fatale Konsequenz ist, dass die Beschwörung einer Schuld, die niemals vergeht, auch keine Normalität zulässt. Die damit verbundene Flucht vor den eigenen Gefühlen zeitigt nicht nur den von der Autorin angeführten Aufbauwillen, der das Wirtschaftswunderland für kurze Zeit sogar zum Exportweltmeister gemacht hat, sondern sie könnte eines Tages wieder in altbekannte Superioritätstendenzen umschlagen. Man spricht wieder Deutsch!

Gottfried Schenk, Berlin

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