Einwanderung : Der Kampf um die Köpfe

Es gibt keine Nation, in der die Migrantenkinder tiefer unter dem landeseigenen Leistungsniveau liegen als in Deutschland. Weltweit wird um die besten Talente konkurriert: Darauf muss sich Deutschland besser einstellen.

Gunnar Heinsohn

Unauffällig, aber ohne Pause, gewaltfrei und doch erbarmungslos, läuft parallel zum internationalen Krieg gegen den Terror (war on terror) der ebenfalls weltweite Kampf um fremde Talente (war for foreign talent).

Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie die westorientierten slawischen Nationen Polen und Ukraine haben zusammen 1,5 Millionen Neugeborene jährlich. Das sind 800 000 Babys weniger, als sie für die Nettoreproduktion von 2,1 Kindern pro Frau benötigen. Ihr Nachwuchs reicht nicht aus und ist doch ihr einziges Zukunftskapital. Gerade die drei Großen unter ihnen verlieren aber immer schneller das Vertrauen ihrer Jugend. Weil die Frauen in Deutschland, Polen und der Ukraine nur 1,2 bis 1,4 Kinder aufziehen, werden 100 Junge in ihren aktivsten Jahren nicht nur für 100 Alte sorgen, sondern nebenher auch noch die Lasten für eigene Sprösslinge und den Aufbau von Rentenansprüche tragen müssen. Überdies werden vor allem in Deutschland keineswegs 100 Aktive für 100 Alte zur Verfügung stehen, sondern lediglich 70, weil sie auch noch 30 bildungsferne Gleichaltrige nebst ihren Kindern finanzieren müssen. Da selbst gestandene Patrioten sich das immer weniger zutrauen, darf jeder Ausweg aus dieser Not mit ihrer Neugier rechnen. Schon jetzt liegt das Durchschnittsalter ihrer Länder bei knapp 40 Jahren gegenüber nur 28 für die gesamte Welt.

Demografisch nicht viel besser als den fünf mitteleuropäischen Ländern ergeht es den sechs angelsächsischen Nationen Australien, Irland, Kanada Neuseeland, Großbritannien und USA: Sie können pro Jahr zwar 5,5 Millionen Babys vorweisen, aber auch ihre Frauen bekommen 1,6 bis 2,1 Kinder. Und selbst in Amerika als einzigem Land auf Höhe der Nettoreproduktion (2,1) gebären Frauen aus Minderheiten mit lediglich einem Drittel der Bevölkerung schon 45 von 100 Babys. Viele von ihnen erreichen schlechtere Schulabschlüsse als die 200 Millionen „Whites“, deren Frauen nur 1,8 Kinder schaffen und in Avantgardestaaten wie Massachusetts, New York oder Kalifornien sogar nur 1,6. Mit einem Durchschnittsalter von 37 Jahren sind die Amerikaner zwar jünger als die Deutschen (43 Jahre), aber auch sie werden nicht frischer.

Zur Neutralisierung von Geburtenschwund und bildungsfernen Minderheiten benötigen alle Anglostaaten zusammen pro Jahr mindestens 1,5 Millionen Zuwanderer. Auch ihnen also steht das demografische Wasser bis zum Hals. Dass die Mitteleuropäer den gefährlichen Strudel schon Oberkante Unterlippe spüren, kann sie keineswegs beruhigen. Es beflügelt allerdings ihre Fantasie, wie aus diesen Volkskörpern die besten Organe noch entfernt werden können, bevor sie ganz abgestorben sind. Auch die Anglos müssen von außen zuführen, was innen nicht nachwächst, und sie können – in allen wichtigen Errungenschaften konkurrieren sie unter den ersten zehn Nationen weltweit – niemanden gebrauchen, der schlechter ist als ihr eigener Durchschnitt.

Schwarzafrika und die Länder im Islamgürtel werden zwar von heute 2,1 Milliarden auf bald vier Milliarden im Jahre 2050 zulegen, und ihre vielen hundert Millionen überzähligen Jugendlichen würden auch lieber bei uns einwandern, als zum Rekrutierungspool für den Terror zu werden. Aber unter ihnen sind die hochspezialisierten Talente selten, die gerade in den Hightechländern so dringend gesucht werden. Weil die Heißsporne der Dritten Welt einen Ferrari zwar fahren, aber nur im Ausnahmefall seine neue Generation aufs Reißbrett bringen können, werden sie an denselben Außengrenzen brutal zurückgewiesen, an denen man die raren Asse mit einem Lächeln durchwinkt.

Das Einwanderungskonzept der Anglo-Länder ist ganz unkompliziert. Wie die eigenen Kinder wegen der unbekannten Zukunftsanforderungen gescheiter werden müssen als ihre Eltern, so wird auch aus der Fremde nur zugelassen, wer alsbald für die Einheimischen etwas leisten kann und nicht umgehend in ihre Taschen greifen muss. Weil man glaubt, solche Kräfte in ausreichender Menge nur unter seinesgleichen finden zu können, wird der war for talent als gegenseitige Kannibalisierung der innovativen Nationen exekutiert, zu denen unter weltweit 200 Staaten nicht einmal 50 gehören.

Allerdings rechnen auch die Anglo-Länder beim Werben um die besten Köpfe der Erde nicht mit Wundern. Sie wissen, dass sie ihre „Vergreisung“ nicht stoppen, sondern bestenfalls verlangsamen können. Es geht erst einmal nur darum, wer länger im Geschäft bleiben kann, weil er Leute noch findet, wenn der Konkurrent komplizierte Aufträge wegen Personalmangels schon ablehnen muss. Für diesen banalen, aber fundamentalen Vorteil erstreben alle sechs zusammen pro Jahr jene 1,5 Millionen als qualifizierte Einwanderer, die ihnen im Kindbett fehlen. Dabei will Neuseeland 25 000, während Amerika eine volle Million benötigt und alle zusammen 50 Millionen Zuwanderer bis 2050.

Die Anglo-Welt muss also darauf hinarbeiten, aus den fünf mitteleuropäischen Beispielländern die Begabungen zu hundert Prozent abzuziehen. Dass dabei Bündnispartner unter die Räder kommen, ist keineswegs Absicht, aber ein Starker kann sich am Ende besser wehren als fünf Schwache. Die Anglos müssen sich genauso verhalten wie etwa Vorpommern oder das polnische Pomorskie mit Danzig als Hauptstadt, wo in vier Dörfern Post, Schule, Krankenhaus und Feuerwehr schließen, damit diese Institutionen in einem ebenfalls vergreisenden fünften Dorf noch ein paar Jahre ausgelastet sind. Längst kämpft also ein halbes Hundert Nationen mit einem Bedarf von 150 Millionen fremden Talenten bis 2050 darum, wer von ihnen fünftes Dorf wird.

Für dieses gigantische Vorhaben gibt es auf den Internetseiten der Anglo-Botschaften schon seit einem Jahrzehnt unmissverständliche Offerten. Wer über 45 ist und dieses hohe Alter nicht durch Nobelpreisnähe wettmachen kann, braucht gar nicht erst anzuklopfen. Anders kann es nicht sein, denn auch in der neuen Heimat brauchen die Zuwanderer Zeit für den Aufbau ihrer Altersversorgung. Alles unter 45 aber wird entschlossen angelockt, solange es nur nur highly skilled ist. Leute mit Hauptschulabschluss bleiben außen vor. Auch Mittelschulzeugnisse reichen nur, wenn zugleich Meisterbriefe für ausgewählte Handwerksberufe vorgelegt werden können. Hochschulreife sollte es schon sein, und wer die Universität erfolgreich abgeschlossen hat, darf sogar aus Orchideenfächern kommen. Ihm wird die generelle Intelligenz für erfolgreiches Fortkommen schon zugetraut. So verkündet Canberra: „Unser Programm für die hochqualifizierte Einwanderung zielt auf Menschen, die jünger als 45 Jahre und bestens ausgebildet sind. Sie müssen Englisch auf hohem Niveau beherrschen und sehr schnell einen Beitrag zur australischen Wirtschaft leisten können.“

Obwohl alle sechs Anglo-Länder ähnlich ehrgeizige Ziele verfolgen, gibt es unterschiedliche Erfolgsquoten. Vor allem die USA mit nur 55 Prozent gut Qualifizierten unter ihren Einwanderern können nicht zufrieden sein. Zwar liegen sie damit elfmal besser als Deutschland oder Frankreich, aber nur halb so hoch wie Kanada (1,6 Kinder pro Frauenleben), wo fast alle Neubürger Asse sind. Aus diesem Grunde zeigen in Kanada die Kinder der Zuwanderer mehr Intelligenz als der einheimische Nachwuchs. Hingegen gibt es weltweit keine Nation, in der die Migrantenkinder tiefer unter dem landeseigenen Leistungsniveau liegen als in Deutschland. Auch Kanadier beäugen einen fremdartig aussehenden Neuen erst einmal skeptisch. Aber bald mildert ein Lächeln die Züge, weil der Alteingesessene weiß, dass der Neue einmal für ihn sorgen kann. Damit ist ganz ohne spezielle Integrationsgipfel der Ausländerfeindlichkeit von vornherein der Boden entzogen. In Ländern hingegen, die vorrangig Bildungsferne hereinholen, geht die Begegnung zwischen Neuen und Alten so oft grimmig aus, weil Letztere in sich hineinknurren, dass sie für Erstere auch noch zahlen müssen.

Damit Amerika zu den stärksten Anglo-Konkurrenten wieder aufschließen kann, hat Carl Schramm – Koautor des „Newsweek“-Beitrags Good Capitalism, Bad Capitalism and the Economics of Growth and Prosperity (2007) –, vorgeschlagen, die ausländische Jungelite umgehend in die US-Staatsbürgerschaft aufzunehmen. Jeder Neunzehnjährige aus irgendeinem Winkel der Erde, der sich bei amerikanischen Universitäten nicht für Politologie, aber für Mathematik oder Natur- und Ingenieurwissenschaften bewirbt und die schweren Zugangsprüfungen besteht, soll zu Immatrikulationsurkunde und Stipendium auch gleich den amerikanischen Pass beigelegt bekommen.

Ein genialer und raffinierter, ja unanständiger Einfall. Selbst ein stramm antiamerikanischer Abiturient dürfte der Verführung kaum widerstehen. Wenigstens als Lebensversicherung würde er den Pass haben wollen. Schließlich muss er ja nicht in San Diego bleiben, sondern kann jederzeit nach Bremerhaven oder Neukölln zurück. Beim Ausschlagen von Geld und Papieren aber würde er sich schnell dem Spott aussetzen, für die US-Hochschulen wohl nicht schlau genug zu sein.

Womöglich würde ein solches Abwerbeverfahren sogar in Berlin Ohren öffnen. Denn noch glaubt man an der Spree nicht einmal Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, wenn der seine Wähler mit der Entdeckung verstört, dass eine Sturmflut ausländischer Schulversager nebst ihrem Nachwuchs am Transfertopf die Grande Nation nicht unter den Hightechnationen halten kann.

Als Erste würden die übrigen Angloländer Pässe auf den Werbetresen legen, dann aber folgte schon Paris. Nichts könnte lehrreicher sein für Deutschlands Nomenklatura. Sie müsste nachziehen und würde schnell herausfinden, was der aktuelle Exportweltmeister morgen noch wert ist. Denn die jungen Passgewinner wären leicht zählbar. Regelmäßig würde der Index „Passneulinge pro 1000 Studenten“ aktualisiert und weltweit studiert. Die Weisheit, dass die Besten zu den Tüchtigsten wollen, wird sich bei dieser Elitewanderung glänzend bestätigen. Der Konnex zwischen nationalem Durchschnitts-IQ und internationalem Rang wird Eingang finden in die ökonomischen Lehrbücher. Überall würde der begabte Nachwuchs diese internationalen Ranglisten studieren wie Speisekarten oder Cabriopreise. Seine Lebensentscheidungen würden berichtet wie die Börsenkurse.

Selbst wenn Amerika mit dem Begabtenpass noch zögern sollte, der Geist ist aus der Flasche. Doch das Land wird handeln. Wer noch am besten dasteht, muss den Angriff führen. Für das Jahr 2050 hat man immerhin 420 Millionen Amerikaner im Visier (gegen 302 Millionen 2008). Von diesen sollen 80 Millionen (19 Prozent) von draußen kommen. Der demografische Abstand auf Indien würde gehalten, der auf China, das jetzt schon jährlich eine halbe Million Talente abgibt, deutlich verringert. 1910 mit 15 Prozent US-Bürgern aus der Fremde (14 von 92 Millionen) markierte bisher Immigrantenrekord.

Deutschland hatte damals mit 65 Millionen Einwohnern und einem Durchschnittsalter nahe bei zwanzig immerhin 71 Prozent des US-Potenzials. 2050 sollen es mit 68 Millionen Bundesbürgern nur noch 16 Prozent sein, die mit einem Durchschnittsalter bei fünfzig dem Tode allerdings ein Jahrzehnt näher wären als die US-Bürger. Doch selbst dieser deutsche Absturz wird viel steiler ausfallen, wenn es nicht gelingt, pro Jahr 150 000 ausländische Talente – statt momentan 500 – einzubürgern und obendrein 140 000 der eigenen Besten vom Weggehen abzuhalten. Die deutsche Demografie rechnet diese Abwanderer nebst Kindern und Enkeln als heimischen Bestand einfach bis 2050 hoch. Sie ahnt nicht einmal, dass ihre Anglo-Kollegen den deutschen Nachwuchs längst in ihren eigenen Hochrechnungen führen.

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