Enthüllungsbuch über Helmut Kohl : Bloßgestellt vom eigenen Sohn

Das Buch des Sohnes über den Vater Kohl ist eine Enthüllung – persönlich und politisch.

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Es ist tragisch, was sich da offenbart. Das Buch des jungen Kohl über den alten – es ist ja nicht bloß anrührend, was darin zu lesen ist, sondern eine Enthüllung. Helmut Kohl gilt politisch als der Große. Nur hier wird deutlich, wie er als Mensch war und ist: genau so, wie andere sagen, dass er sei. Wolfgang Schäuble zum Beispiel, der mit ihm gebrochen hat.

Ein Scheinriese ist er, einer, der kleiner wird, je näher man ihm kommt. Er ist einer, der einmal politisch weit über sich hinausgewachsen ist, aber danach nicht zu sich zurückgefunden hat. Wer nennt ihn einen Freund? Wer hört auf seinen Rat? Auch darin liegt der große Unterschied zu Helmut Schmidt, dem Mann, den er als Kanzler abgelöst hat, was sein Lebensziel war. Schmidt ist Kult, wird als beliebtester Deutscher verehrt – das wird Kohl im Leben nicht mehr passieren. Kohl wird verdrängt. Selbst in seiner Familie.

Und sage keiner, das sei nicht politisch. Wie kein anderer hat Kohl sein Wirken vom Stichwort „Famillje“ hergeleitet. Niemand hat dieses Wort so oft im Munde geführt. Nur gelebt hat er es nicht. Er wollte immer als pater familias angesehen werden und wurde mit den Jahren immer patriarchenhafter. Aber daheim war er in der CDU. Die war seine Familie, die Macht sein Zuhause. Wie schrecklich, das auch noch nachlesen zu können.

Ja, es ist eine subjektive Sicht, die des Sohnes, der an dem, wozu sich sein Vater aufschwingt, leidet. Und ja, Politik, große Politik, frisst Zeit. Aber wer nicht weiß, was wirklich zählt im Leben, wie kann der wissen, was in der Politik wirklich wichtig ist? Helmut Kohl hat gefehlt, in jederlei Hinsicht, so viel lässt sich sagen, als Vater und auch als Parteivorsitzender.

Die Spendenaffäre ist nicht nur nicht aufgeklärt, weil Kohl über die Spender, wahre oder vermeintliche, schweigt, sie ist auch unvergessen. In der Affäre hat Kohl sein Wort übers Recht gestellt, was noch eine Affäre ist. Die Lektüre legt nahe: Ihm fehlte die Erdung.

Das Buch ist ein Dokument dessen, was Kohl ist – monolithisch. Heiner Geißler, ein anderer seiner Weggefährten, der auch mit ihm gebrochen hat, hatte immer recht. Er blickt über andere hinweg oder herab und nur auf die Geschichte. Aber die schaut nicht auf Kohl allein, sondern auf alles zurück. Da wirkt das, was wir erfahren, nicht groß, sondern monströs.

Ist Helmut Kohl ein glücklicher Mann? In der Beschreibung wirkt er wie eine traurige Gestalt. Er war kein Vater, und wo er es hätte sein müssen, hat er die Trennung vollzogen. Jede Kommunikation ist entweder ein Ausdruck von oder ein Schrei nach Liebe. Das sollte sich gerade ein Christ sagen. Er hat die Liebe versagt.

Seine Frau hat Selbstmord begangen. Sein Sohn ist in der Einsamkeit fast vergangen. Menschen, die ihm beim Aufstieg nahe waren, hat er als Versehrte an der Seele zurückgelassen. Durch Selbstüberhebung. Als Christ, als Katholik, der er nach eigenen, großen Worten ist, hätte Helmut Kohl sich da nicht anders verhalten müssen? Vom großen Papst Johannes XXIII., dem Sozialpapst, stammt das Wort: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“ Kohl kennt doch die Geschichte.

Eine Tragödie, eine wahre, wirkliche. Es gibt keine Wendung ins gute, keine Heilung. Das Buch ist die nachhallende Lamentation eines Opfers. Es ist, weil der Sohn über den Vater schreibt, eine Klage als Anklage. Eine Enthüllung. Helmut Kohl, bloßgestellt.

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